Blog: Aus der Tiefe des Raums

«Es wirkt alles so gespenstisch»

Basler Zeitung
– 19. März 2020


Leichtathletik Alex Wilson weilt derzeit im Trainingslager in Florida. Im Interview erklärt der schnellste Schweizer Sprinter, wie sich das Coronavirus auf seinen Alltag auswirkt und über was er sich besonders ärgert.

Andreas W. Schmid

Alex Wilson, wie beeinflusst das Coronavirus Ihren Alltag im Trainingslager in Orlando?

Wir trainieren hart, wissen aber nicht mehr so richtig, für was. Jetzt hätten hier die ersten Vor-Saison-Wettkämpfe stattfinden sollen. Doch sie wurden bereits alle abgesagt. Okay, es sind noch ein paar Monate hin bis zu den Höhepunkten des Jahres. Die Olympischen Spiele in Tokio beginnen Ende Juli, die Europameisterschaften in Paris einen Monat später. Aber wir fragen uns schon: Ist bis dann wieder alles gut? Finden diese Wettkämpfe überhaupt statt?

Gehen Sie noch in die Stadt?

Nicht mehr gross. Am Sonntag belohnen wir uns für die harte Arbeit und gehen zusammen an den Strand. Nun bleiben wir zu Hause. Entweder wir sind in unseren Unterkünften. Oder im Auto. Oder auf dem Trainingsgelände. Dieses ist abgesperrt, ausser uns kann dort niemand rein. Gleich in der Nähe ist Disney World, der Vergnügungspark. Nun ist er wegen des Notstands geschlossen. Es wirkt alles so gespenstisch.

Wie informieren Sie sich?

Ich schaue Fernsehen. Und ich lese online «20 Minuten». Als ich Mitte Februar hierherkam, war Corona noch kein Thema. Zwar wurde die Hallen-WM in Nanjing abgesagt. Und ich sah die Bilder von Wuhan, wo alles abgesperrt war. Aber Sie wissen ja, wie das ist: China ist weit weg, man nimmt es trotzdem nicht so ernst. Europa wurde bis jetzt von diesen Dingen verschont. Bei Ebola oder Sars war es auch so. Erst als ich dann hörte, dass in Basel sogar die Fasnacht abgesagt wurde, wusste ich: Da kommt etwas auf uns zu. Trotzdem hofft man, dass es doch nicht so schlimm wird.

Schlägt Ihnen das Ganze auf die Moral?

Ich versuche mich zu informieren, ich will aber auch nicht nur am Handy hängen. Sonst machst du dich nur kaputt. Es steht so viel «Schissdräck» drin. Mein Hauptjob ist es jetzt, hart zu trainieren. Damit ich bereit bin, wenn es im Sommer doch noch losgeht. Am meisten beschäftigt mich, wann ich meine Familie wiedersehe. Geplant war, dass ich Anfang April für ein paar Tage zu ihr ins Elsass, wo wir wohnen, zurückkehre. Das ist jetzt aber höchst unsicher. Verlasse ich die USA, wars das mit dem Trainingslager in Florida.

Was sagt Ihre Frau?

Es ist natürlich nicht einfach für sie. Man darf in Frankreich ja nicht mehr die Wohnung verlassen. Zum Glück haben wir noch grosse Vorräte eingekauft, bevor ich wegging. Aber nicht wegen Corona, sondern damit sie nicht zu viel schleppen muss. Natürlich wäre ich in dieser Situation gerne bei ihr. Aber das ist halt mein Job. Ich bin Sprinter, ich muss trainieren. Es war alles perfekt geplant mit dem Trainingslager hier in Orlando und dem Abstecher zwischendurch nach Europa.

Glauben Sie, dass die Olympischen Spiele stattfinden?

Ja, ich glaube noch daran. Vielleicht helfen die heissen Monate im Kampf gegen das Virus. Der japanische Premierminister hat gesagt, dass sie stattfinden. Wie viel kosten diese Spiele? Ich habe gehört 27 Milliarden Franken. So viel Geld wirft man nicht einfach aus dem Fenster. Auch deshalb glaube ich, dass sie alles daransetzen werden, dass die Spiele stattfinden. Vielleicht werden sie auch um ein paar Monate verschoben. Beeinflussen können wir das nicht, wir Athleten sowieso nicht. Wir sind die Letzten, die etwas zu sagen haben. Wir müssen einfach dort sein, wo sie uns hinbestellen.

Was, wenn die Spiele ganz abgesagt werden?

Dann wäre ich riesig enttäuscht, weil die Spiele meilenweit über allem stehen. Eine Medaille an Olympia ist zehnmal so viel wert wie eine EM-Medaille. Vom Sportlichen her, aber auch finanziell. Ich würde also auch Geld verlieren. Es reden alle über die Spiele in Tokio, aber kein Mensch über die EM in Paris. Das zeigt schon alles. (längere Pause) Aber auch wenn Tokio 2020 wirklich ins Wasser fällt – das Leben geht trotzdem weiter. Und die Gesundheit der Menschen geht vor.

Haben Sie etwas von Swiss Olympic gehört?

Ich habe ein paar Mails erhalten. Die habe ich jedoch nur überflogen. Natürlich ging es dabei auch um Corona und dass in der Schweiz alle Sportstätten geschlossen sind. Dass ein normales Training gar nicht möglich ist und alle Wettkämpfe ausfallen. Aber wie gesagt: Ich möchte gar nicht zu viel wissen. Mich interessiert vor allem: Wo muss ich wann erscheinen, um zu laufen? Wenn mich etwas beschäftigt, dann etwas anderes.

Was?

Gerade gestern habe ich mich mit einem Trainingskollegen darüber unterhalten, und wir waren uns einig: Jetzt ist die Stunde der Doper gekommen. Die laden sich jetzt mit ihrem Zeugs voll.

Und die Dopingkontrollen?

Jetzt will doch niemand kontrollieren. Oder würden Sie in der jetzigen Situation zu jemandem nach Hause kontrollieren gehen? Seit ich hier in Orlando bin, wurde ich noch nie kontrolliert, obwohl sie jederzeit darüber informiert sind, wo ich mich aufhalte. Das ist doch traurig! Und ein riesiger Rückschritt.

Wie sind Sie eigentlich in Form?

Schade, dass am nächsten Wochenende der erste Test abgesagt worden ist. Ich wäre über 200 und 400 Meter gelaufen. Aber bis jetzt lief alles nach Plan, ich fühle mich super. Im Training war ich schneller als letztes Jahr.

Welche Zeiten peilen Sie demzufolge an?

Ich möchte dort anknüpfen, wo ich letztes Jahr meinen besten Wettkampf hatte. In La Chauxde-Fonds lief ich mit 10,08 Sekunden über 100 Meter und 19,98 über 200 Meter Schweizer Rekord. Am selben Tag verletzte ich mich. Wäre das nicht passiert, hätte ich noch schnellere Zeiten laufen können. Nun möchte ich das diese Saison nachholen.



Das Spiel ist aus – auch der Sport muss sich dem Corona-Virus beugen

Das Spiel ist aus. Auch der Sport und seine Anhänger, zu denen ich mich ebenfalls zähle, müssen anerkennen, dass es sich nur um eine der schönsten Nebensachen handelt. Deshalb sind alle Meisterschaften und Sportveranstaltungen abzusagen. Alles andere wäre fahrlässig, es geht hier um Wichtigeres. Dieses Herumgewurstle, dass jeder Ort, jede Provinz, jedes Land, jede Gesundheitsbehörde andere Regeln aufstellt, muss aufhören. Nur schon dieses unsägliche Hin und Her vor dem Spiel des FC Basel gegen Eintracht Frankfurt – zuerst das Rückspiel als Geisterpartie in Basel geplant, dann überhaupt kein Spiel, dafür aber das Hinspiel mit Zuschauern in Frankfurt, dann doch keines mit den Fans, sondern nur ein Geisterspiel. Und nun noch die Befürchtung, dass trotzdem eine Vielzahl von Deppen vor dem Stadion aufkreuzt, weil sie den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Die Bilder aus Paris, wo Tausende von Anhängern trotz Corona-Virus vor dem Stadion zusammengepfercht den hoffentlich bald wertlosen Sieg von Paris St. Germain feierten, waren unglaublich peinlich und bestätigen wieder mal das Klischee, dass Hirn und Anstand verloren gehen, wenn der Ball rollt.  

Asche auf mein Haupt – ich war am vergangenen Samstag selber in Freiburg im Schwarzwaldstadion, um über SC Freiburg gegen Union Berlin zu berichten. Ich bereue es mittlerweile. Es war ein Fehler. Ich hätte zu Hause bleiben sollen. 24'000 Zuschauer auf engstem Raum im Stadion und zuvor im ÖV – so wird man dem Coronavirus nicht Herr. Denn die Lage ist dramatisch, man schaue nach Italien – wo alles stillsteht. Möglich, dass auch wir bald so radikal agieren müssen. 

Die Corona-Epidemie wird uns noch längere Zeit beschäftigen: Die Prognose der deutschen Bundesregierung, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sich mit dem Virus infizieren werden, lässt keinen anderen Schluss zu. Nachdem jetzt auch die ersten Sportler erkrankt sind, rechne ich damit, dass in nächster Zeit alle grösseren Veranstaltungen abgesagt werden. Die Eishockey-WM und die Fussball-EM sind für mich bereits erledigt. Auch die Olympischen Spiele in Tokio stehen auf der Kippe, obwohl es noch vier Monate bis dorthin sind. Bei einer weltweiten Pandemie ist diese Zeitspanne jedoch sehr wenig. Ich finde deshalb, dass IOC-Präsident Thomas Bach besser daran täte, mit den japanischen Organisatoren schleunigst einen Plan B auszuarbeiten, als die Sportler anzuhalten, ganz normal weiterzumachen, als ob nichts geschehen werde. Weltfremder kann man nicht sein! Was beim IOC allerdings keine neue Erkenntnis ist.

Die Vertragsverlängerung mit Petkovic kommt zu früh

Vladimir Petkovic bleibt also mindestens bis Ende 2021 Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Es ist kein Fehler, dass der Fussballverband mit ihm weiterarbeiten will. Falsch ist nur der Zeitpunkt für diese Verlängerung. Man hätte zuerst die Fussball-EM abwarten und einen neuen Vertrag mit Petkovic davon abhängig machen sollen, wie sich die Schweizer Fussballer an der Endrunde präsentieren. Begeistern sie, hat Petkovic die Verlängerung für die nächste WM-Qualifikationsphase redlich verdient. Falls aber nicht, hat man ein Problem. Dann könnte es teuer werden, wenn man sich doch von ihm trennen muss.

Wir erinnern uns: Während die EM vor vier Jahren in Frankreich einigermassen okay war – die Schweiz verlor gegen Polen im Achtelfinal unglücklich durch Penaltyschiessen –, wurde die WM 2018 in Russland zur riesigen Enttäuschung und zum Turnier der verpassten Chance. Mit Angsthasenfussball wollte man den biederen Schweden beikommen und musste stattdessen den grossen Traum vom Viertelfinal begraben; nie wäre es einfacher gewesen, an einer Endrunde endlich mal für Furore zu sorgen. So, wie dies auch anderen Aussenseitern immer wieder gelingt, etwa Griechenland an der EM 2004 (Europameister) oder Wales (Halbfinal) und Island (Viertelfinal) an der EM 2016. Dazu gab es eine riesige Polemik um die Doppeladler-Affäre im Schweizer Team und ein Kommunikations-Debakel mit Vladimir Petkovic, der nach dem Turnier abhaute, ohne sich nochmals zu erklären.

Die Medien schossen in ihren Analysen zur WM scharf gegen den Fussballlehrer. Beispiel NZZ: «Den Schweizern fehlten die Kraft in den Beinen, der Drang im Herzen, die Ideen im Kopf. Ihnen fehlte die Wut im Bauch. Sie siechten der Niederlage in einem eigenartigen Trott entgegen.» Einem Trott, der in etwa dem Temperament entspricht, mit dem sich Petkovic in der Öffentlichkeit jeweils präsentiert: Bei ihm wirkt jedes Interview als lästige Pflichtaufgabe. Der schweizerisch-kroatische Doppelbürger zählt zur Kategorie Trainer, die ihre Arbeit am liebsten im stillen Kämmerlein (in diesem Fall die Kabine) verrichten würden, ohne sich je erklären zu müssen. Dabei gehört eine überzeugende Aussendarstellung ebenfalls zum Jobprofil eines guten Nationaltrainers dazu.

Schliesslich noch ein Wort zum ach so tollen Punkteschnitt, der immer als Argument für Petkovic angeführt wird – auch jetzt bei dieser Vertragsverlängerung. Ja, unter ihm haben die Schweizer einen ansehnlichen Schnitt von 1,87 Punkten pro Spiel ergattert. Man sollte sich allerdings auch mal die Gegner anschauen, gegen die die Schweizer fleissig punkteten. Da hat es so viele schwache Teams wie unter keinem anderen Nationaltrainer. Nämlich Färöer, Andorra, Weissrussland, Panama, Gibraltar, San Marino, Liechtenstein, Estland und andere mehr – einige von ihnen waren übrigens die Schweizer Gegner in den aufgeblähten Qualifikationen. Dass die Schweiz in diesen den Sprung an die Endrunden schafften, war angesichts der eher mediokren Gegnerschaft Pflicht und keine Heldentat.

Deshalb nochmals: Man hätte zuerst abwarten müssen, was die Schweizer Nationalmannschaft unter Vladimir Petkovic an der EM 2020 zeigt – um dann in Ruhe zu entscheiden, wie es mit dem Nationaltrainer weitergeht. Warum nur diese Eile?

Ist Lucien Favre wirklich so gut, wie alle immer sagen? Zweifel sind angebracht!

Es ist bekannt, dass Dortmund-Trainer Lucien Favre kein Freund von Interviews ist, erst recht nicht von diesen kurzen Frage-Antwort-Spielen unmittelbar nach Schlusspfiff einer Partie. So war auch nichts zu erwarten, als er sich nach dem verlorenen Cupspiel seiner Mannschaft gegen Werder Bremen vor die Kamera stellte. Und tatsächlich: Hilflos stammelte Favre sich durch seine Antworten. Seine Mannschaft habe das Spiel in den ersten 45 Minuten verloren. Sein Team sei schlecht gewesen – vor allem in der ersten Halbzeit. Weshalb das so war, darauf ging er mit keinem Wort ein, und auch der Reporter verpasste es leider nachzufragen.
 Dabei war es offensichtlich: Favre hatte selber einen kapitalen Fehler begangen – er hatte Erling Haaland in der so schwachen ersten Hälfte auf der Bank schmoren lassen. Ein Grund ist nicht zu erkennen, weshalb er dies tat. Vielleicht wollte er dem Jungen damit zeigen, dass er in der Hierarchie der Mannschaft noch nicht oben steht. Dabei ist Haaland ein Geschenk des Himmels, der Fussballgötter. Die halbe Welt war hinter dem 19-Jährigen her, Dortmund aber erhielt den Zuschlag – und in den ersten drei Spielen bewies er ohne Anlaufzeit sofort eindrücklich, dass die Vorschusslorbeeren berechtigt waren. Haaland spielte in jedem Spiel überragend, so überragend, dass er zwingend aufs Feld gehört. Haaland muss immer spielen. Mit ihm ist Dortmund doppelt so gut. Doch der gute Lucien Favre schaffte es nicht, über seinen Schatten zu springen. Und setzte den Norweger auf die Bank. Unverständlich. Denn kaum wurde er eingewechselt, war Dortmund eine ganz andere, viel bessere Mannschaft.
 Es ist ein Rätsel, weshalb Lucien Favre von allen in den Himmel gelobt wird. Auch als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft wird er immer wieder gehandelt (auch wenn er jedes Mal selber absagt). Was die kommunikativen Fähigkeiten anbelangt, wäre das allerdings keine Verbesserung gegenüber Vladimir Petkovic, so spröde dieser in der Aussendarstellung auch sein mag. Fakt ist: Favre wurde schon zweimal Trainer des Jahres in der Bundesliga, einen Titel hat er allerdings noch nicht erreicht, ausser mit Dortmund den Supercup, ein Wettbewerb, den man den Hasen geben kann. Mit dem FCZ hatte er Erfolg, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Dafür ziehen sich eigentümliche Personalentscheidungen wie ein roter Faden durch seine Trainerkarriere. Nur ein ausgewähltes Beispiel: Bei Hertha BSC überwarf er sich ausgerechnet mit Marko Pantelic, der im Sturm Alleinunterhalter und fast an allen Toren beteiligt war. Irgendwann hatte Pantelic vom Trainer die Nase voll, er ging zu Ajax – wenig später wurde Favre entlassen. Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass die Hertha später abstieg.
 Bei Dortmund schafft er es aktuell nicht, den hochtalentierten Mario Götze zu reintegrieren, Marco Reus und Manuel Akanjii suchen seit längerem nach ihrer Form. Reus fällt nun auch noch aus, was sich aber als Glücksfall herausstellen könnte: Vielleicht bleibt nun Favre nichts anderes übrig, als Haaland von Anfang an zu bringen. Sicher ist das allerdings nicht.

Zu Besuch bei Christian Streich

Es sind acht Jahre, die Christian Streich nun Cheftrainer beim SC Freiburg ist – es fühlt sich jedoch wie einige Ewigkeit an. Okay, da ist noch die Erinnerung an einen, der in grauer Vorzeit am selben Ort ebenfalls ungewöhnlich lange den Chefsessel besetzte, ohne dass dieser einmal ernsthaft wackelte: Die Rede ist von Volker Finke. Er wurde zur Legende, die aber nicht alles überragt, was nach ihm kam – auch weil Christian Streich einen grossartigen Job macht und als amtsältester Bundesligatrainer bereits selber eine lebende Legende ist.
Doch genug der warmen Worte, gehen wir lieber direkt über ins Gespräch mit dem Deutschen, der als Kind gerne nach Basel kam, um sich die Spiele des FC Basel anzuschauen. Ich habe Christian Streich diese Woche in Freiburg getroffen. Hier das Interview:
http://www.awsmedien.ch/christian-streich
Ein Wahnsinns-Jahrzehnt!

Das vergangene Jahrzehnt war ein besonders intensives, was mein Reporterleben anbelangt. Es führte mich auf alle Kontinente dieser Erde, Greta und die nachfolgenden Generationen mögen es mir verzeihen. Eine Vielzahl von Begegnungen und Sportereignissen bleibt in Erinnerung. Spontan fallen mir diese ein:

Simon Ammann hebt ab: Vancouver 2010

Bei Goldmedaillen an Olympischen Spielen live dabei zu sein, ist Glückssache. Mehrheitlich hält man sich ja am falschen Ort auf, beim Gewichtheben, Tontaubenschiessen oder Speerwurf. Umso glücklicher war ich, dass ich wie schon 2002 in Salt Lake City auch 2010 in Vancouver live im Stadion war, als die Flugshow des Toggenburgers alle begeisterte. Bei Olympia 2006 in Turin hingegen hatte ich das Skispringen nicht verfolgt – zu trostlos war die Atmosphäre in Pragelato. Prompt landete «Simi» viel zu früh, auch ihm fehlte das gewisse Etwas in diesem eher tristen Skisprung-Stadion.
In Vancouver antwortete Simon Ammann auf meine Frage, ob er angesichts seiner Flugkünste in seinem früheren Leben ein Vogel gewesen war, dass das durchaus möglich sei. «Nur ein Poulet war ich definitiv nicht, denn das kann nicht fliegen.»

Der FCB zerlegt die AS Roma, Rom 2010 

Ein grossartiger Auftritt des FCB im Stadio Olimpico: Er besiegt in der Champions League die AS Roma mit 3:1. Alex Frei, Inkoom und Cabral sind für die Treffer besorgt. Mindestens so denkwürdig ist die Busfahrt zum Stadion: Roma-Fans bewerfen den Basler Medien-Bus mit Steinen und zerstören eine Scheibe. Tags zuvor hat sich mein Kollege Marcel Rohr, damals noch BaZ-Sportchef, in einem öffentlichen Bus 200 Euro klauen lassen: Das Portemonnaie befand sich zwar auch nach dem Diebstahl weiterhin in seiner Jackentasche, das Geld aber fehlte.

Federer hat kein Erbarmen mit Murray, Wimbledon 2012 

Unglaubliche Atmosphäre in Wimbledon: Im Final zwischen Roger Federer und Andy Murray sind die Sympathien der Fans gleichermassen verteilt, was doch sehr erstaunlich ist – schliesslich könnte der Schotte Andy Murray als erster Brite seit über 70 Jahren endlich den Titel gewinnen. Doch Federer macht ihm einen Strich durch die Rechnung und gewinnt in vier hochklassigen Sätzen. Murray vergiesst bittere Tränen, die spätestens vier Wochen später getrocknet sind: Dann besiegt er im Olympia-Final an selber Stätte den gleichen Gegner klar und deutlich.

Ein Russe hält sich dort auf, wo er eigentlich gar nicht sein dürfte, Zürich 2014 

Der Russe Victor Chegin steht an der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich in der Betreuerzone, obwohl er dort eigentlich gar nicht sein dürfte. Über 20 seiner Schützlinge in der Disziplin Gehen wurden in den Jahren zuvor nämlich der Einnahme unerlaubter Mittel überführt; darunter hatte es Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. Schliesslich wurde Chegin auf Druck des Internationalen Leichtathletikverbandes vom russischen Verband aus dem Betreuerstab verbannt, allerdings nur pro forma. Denn in Zürich coacht er munter weiter, ohne Akkreditierung wird er in der Athletenzone gesichtet. Seine Schützlinge holen Medaillen zuhauf. Es ist ein Vorgeschmack auf die späteren Dopingskandale, die im Zusammenhang mit Russland ans Licht kommen.

Federer vs. Wawrinka, London 2014

Ich bin zwar nicht vor Ort, unvergesslich bleibt dieses Spiel trotzdem: Im Halbfinal der ATP World Tour Finals bekriegen sich Roger Federer und Stan Wawrinka, als wären sie nie Freunde gewesen. Am Ende gewinnt Federer, muss am nächsten Tag jedoch für das Endspiel forfait erklären. Nun beginnt das grosse Zittern: Ist er bis zum Davis-Cup-Final, den er eine Woche später ausgerechnet mit Stan bestreitet, wieder fit? Die Antwort lautet ja. In einem lahmen Final gewinnen die Schweizer problemlos. Die grossen Emotionen aber gab es eine Woche zuvor.

http://www.awsmedien.ch/blog/als-federer-vor-wut-bebte 

Eren Derdiyok kehrt zurück, Istanbul 2015

Ich besuche Eren Derdiyok in Istanbul, als er in Diensten von Kasimpasa steht. Bis es soweit ist, muss ich stundenlang in einem Taxi ausharren, das sich durch den Verkehrsstau quält. Bei Ankunft im vereinbarten Restaurant rund vier (!) Stunden zu spät ist der Basler natürlich schon längst weg und ich mit den Nerven am Ende. Ich schreibe ihm eine SMS, dass ich nun endlich da sei. Und, oh Wunder, Derdiyok kommt zurück – nicht selbstverständlich für einen Fussballprofi. Unvergesslich!

http://www.awsmedien.ch/eren-derdiyok-in-istanbul

Mit Martina Hingis beim Frühstück und Angelique Kerber im Wasser, Melbourne 2016

http://www.awsmedien.ch/martina-hingis

http://www.awsmedien.ch/crocodile-andee-your-baby-is-on-the-way

Gjergjaj im Ringstaub, London 2016

Für den Autor dieser Zeilen vielleicht das emotionalste Sporterlebnis im vergangenen Jahrzehnt. Tiefer und schmerzvoller kann ein Sportler nicht fallen.

http://www.awsmedien.ch/blog/nai-nai-nai-erinnerungen-an-gjergjajs-kampf-in-der-o2-arena

Eine kurze Begegnung mit Helo Pinheiro, Rio de Janeiro 2016

Gerade an Grossereignissen wie den Olympischen Spielen sind es die kleinen Randgeschichten, die in Erinnerung bleiben. So wie 2016 in Rio, wo ich beim Fackellauf Helo Pinheiro aufgelauert habe, um sie nach Erfüllung ihres Parts anzusprechen (siehe auch Bild oben):

http://www.awsmedien.ch/helo-pinheiro-in-rio

Ueli Steck in der Kletterhalle, Ostermundigen 2017

Zwei Monate, bevor Ueli Steck viel zu früh stirbt, treffe ich ihn zum Interview in der Kletterhalle Ostermundigen. Er wirkt sehr nachdenklich und spricht mehrmals über das, was einem Kletterer zustossen könnte: «Als Bergsteiger brauchst du auch Glück.» Ueli Steck hatte es nicht, denn am 30. April 2017 stürzt er ab.
http://www.awsmedien.ch/ueli-steck-märz-2017

Roger Federer im Training, Paris 2019

Fedijpg

Am French Open besuche ich das Training von Roger Federer. Der Zutritt ist Journalisten erlaubt. Wollen sie allerdings mit einem Spieler sprechen, müssen sie das zuvor beim Empfang anmelden; eine Garantie, dass der Spieler dann auch wirklich zur Verfügung steht, gibt es nicht. Bei den grossen Stars kann man es vergessen, dafür gibt es die Pressekonferenzen.
Federer trainiert mit Kei Nishikori. Nach der Übungssession grüsst mich RF. Wir smalltalken ein bisschen, schliesslich nutze ich die Gelegenheit dazu, ihm eine Frage zu Michael Chang zu stellen;  zu dessen sensationellem Sieg vor 30 Jahren möchte ich nämlich einen Artikel schreiben. Gegen ihn hat er noch gespielt, ein paar Minuten zuvor haben die beiden sich ausgetauscht, denn Chang ist der Coach von Nishikori. Federer erinnert sich sofort an das eine oder andere Spiel und erzählt, dass ihre Kinder manchmal miteinander spielen würden. Irgendwann spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter tippt, es ist ein Sicherheitsmann: «Sie dürfen nicht mit ihm sprechen.»

«Aber...»

«Es ist verboten!»

Federer hebt die Hand: «Kein Problem, wir kennen uns.»

Dann spricht er weiter über Chang.
Als ich später das Trainingsgelände verlassen will, eilt der Sicherheitsmann heran. «Sie hätten ihn nicht ansprechen dürfen!»

«Aber er hat mich angesprochen.»

«Das kann jeder sagen.»

«Wir kommen beide aus Basel und kennen uns seit 20 Jahren.»

«Mir egal. Das nächste Mal fliegen Sie raus!»
http://www.awsmedien.ch/michael-chang-30-jahre-nach-seinem-triumph


Die FCB-Mannschaft des Jahrzehnts (2010 bis heute)

Es ist natürlich nur eine Spielerei, aber genau deswegen auch ein grosser Spass: Das Ausknobeln, wer beim FC Basel in die Mannschaft dieses Jahrzehnts, das sich dem Ende zuneigt, hineingehört. Schnell wird klar: Vor allem offensiv gibt es ein Überangebot an grossartigen Spielern. Weshalb zum Beispiel ein Granit Xhaka oder der sehr konstante Luca Zuffi es nur auf die Ersatzbank schaffen. Überhaupt muss man ein bisschen kreativ sein und vereinzelt Spieler auch auf Positionen schieben, auf denen sie eher selten oder gar nicht auflaufen. Beispielsweise Breel Embolo auf der Achterposition – dort wäre er meiner Meinung dank seiner grossen Wasserverdrängung und gleichzeitig exzellenten Spielübersicht sehr gut aufgehoben. In Juniorenzeiten spielte er oft auf dieser Position. «Pogba oder Drogba?» lautete die Frage, die sein zeitweiliger Betreuer Carlos Bernegger stellte. Spätere Trainer haben sich dann mehrheitlich dafür entschieden, dass er ganz vorne spielt.

Überraschen mag meine Wahl von Jonas Omlin als Torhüter. Aber wie im letzten Blogbeitrag vom 8. Dezember zu lesen war, ist er für mich der beste FCB-Goalie seit langem, besser gar als Yann Sommer und Franco Costanzo.

Berücksichtigt wurden in der Auswahl nur die Leistungen der Spieler und nicht der Kultfaktor. Deshalb schafft es beispielsweise Markus Steinhöfer nicht ins Jahrzehnte-Team. Scott Chipperfield spielte auch noch in diesem Jahrzehnt, aber da war seine Zeit schon vorbei. In die FCB-Mannschaft von 2000 bis 2009 hätte er es jedoch problemlos geschafft, eventuell gar in die rotblaue Auswahl der besten Spieler aller Zeiten. Natürlich ist auch Valentin Stocker eine Diskussion wert, aber das Gedränge vorne ist eben sehr gross. Deshalb findet er sich auf der Bank wieder, immerhin.

Trainer des Jahrzehnts sind für mich Murat Yakin, mit dem der FCB es in den Halbfinal der Europa League schaffte, sowie Urs Fischer, dessen Wert man derzeit bei seiner Arbeit in Diensten von Union Berlin bewundern kann. Thorsten Fink hingegen ist nur Ersatz. Sein Fussball war zwar spektakulär, seine Loyalität zum FCB hingegen spektakulär klein. Sonst wäre er nicht mitten in der Saison zum HSV abgehauen.

Jonas Omlin ist der beste FCB-Goalie seit langem!

Ein bisschen unüberlegt, ich gebs zu, war meine Aussage zu Jonas Omlin in der «Soccer Lounge» auf Sportal HD. Auf die Frage von Moderator Mämä Sykora, ob Luganos Goalie Noam Baumann und FCB-Torhüter Jonas Omlin gleich gut seien, antwortete ich sinngemäss: «Das kann man so sagen (…), wobei bei Omlin die Gefahr besteht, dass er bald weg ist.»

Diese Gefahr ist tatsächlich real – und zwar weil der FCB-Goalie der mit Abstand beste Torhüter der Super League ist. Besser auch als Noam Baumann (damit revidiere ich meine Aussage in der Sendung), auch wenn der seine Sache in dieser Saison sehr gut macht.

Ich gehe sogar noch einen Schritt und behaupte – dieses Mal nicht unüberlegt –, dass Omlin der beste aller Goalies ist, die in den letzten zwei Jahrzehnten das rotblaue Trikot getragen haben. Yann Sommer war super, ein Publikumsliebling und nun bei Gladbach ein so sicherer Wert, dass sein Vertrag soeben bis 2023 verlängert wurde. Franco Costanzo war auf der Linie sensationell stark und Pascal Zuberbühler vor allem in seiner Ausstrahlung für die gegnerischen Stürmer furchteinflössend. Auch in guter Erinnerung: Tomas Vaclik, der nun bei Sevilla Stammgoalie ist.

Der FCB durfte und darf sich also glücklich schätzen, dass er sich hinten jederzeit auf seinen Torhüter verlassen konnte und kann. Jonas Omlin aber ist der Beste von allen: reflexstark auf der Linie, überzeugend bei hohen Bällen und mit gutem Auge und genügend Zielgenauigkeit mit Füssen und Händen für ein konstruktives und schnelles Aufbauspiel: Man achte darauf, wie schnell er jeweils den Gegenangriff auslöst.

«Transfermarkt.ch» gibt seinen Wert derzeit mit 6 Millionen Franken an – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was eine Mannschaft mit ihm erhält. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Der FCB täte gut daran, vorzeitig mit ihm zu verlängern! 

Hier geht’s zur Soccer Lounge auf Sportal HD:

https://sportalhd.com/all/grid/EGaBISgY/lEkUx0ld

Option einlösen und Zhegrova kaufen!

Edon Zhegrova hatte es zu Beginn beim FC Basel schwer: Er sei zu verspielt, wurde ihm von den Kritikern nach den paar Minuten, die er spielen durfte, vorgeworfen. Er dribble zu viel und verpasse den richtigen Moment für den Pass an den Mitspieler – wenn er denn überhaupt abspiele. In den letzten Wochen durfte er nun öfter und länger zeigen, was in ihm steckt. Und das ist viel. Der 20-Jährige bringt viel Schwung ins Spiel der Basler, mit seinen Dribblings, mit seiner Lust, immer etwas Besonderes zu versuchen. Gut, wenn ihn Trainer Marcel Koller in diesen Fähigkeiten bestärkt. Zhegrova soll dribbeln, bis den Gegnern die Ohren wackeln. Er ist einer, der den Unterschied ausmacht. 

Deshalb sollten die Transferverantwortlichen die Option ziehen und Zhegrova unbedingt definitiv von Genk übernehmen. Der Kosovare wird dem FCB noch viel Freude bereiten, das Publikum liebt Spieler, die nicht 08/15 sind – und mit ihm könnte man später einmal richtig viel Geld verdienen.

 

Macht Mohamed Salah zum Weltfussballer des Jahres!

Mohamed Salah ist ein grossartiger Fussballer, Wahnsinnsantritt, enge Ballberührung und mit dem Blick für die entscheidende Lücke im gegnerischen Bollwerk. Die Liverpooler lieben ihn, die Basler immer noch – und Georg Heitz dürfte weiterhin Tränenwasser vor Freude bekommen, wenn er den Ägypter sieht. Dass er ihn 2012 als Sportchef zum FC Basel lotsen konnte, war sein Meisterstück; Salah wurde ja schon damals der «Maradona von Ägypten» genannt. Was natürlich überhaupt nicht stimmt. Denn während «El Pibe de Toro» abseits des Feldes zum bemitleidenswerten Kindskopf mutierte, zählt Salah zu den intelligenteren Zeitgenossen unter den Fussballern. Kürzlich sagte er diese bemerkenswerte Worte: «Ich unterstütze Frauen mehr, als ich es zuvor getan habe. Und ich bin der Ansicht, dass Frauen mehr verdient haben, als wir ihnen derzeit geben. Wir müssen den Umgang mit Frauen in unserer Kultur ändern. Daran führt kein Weg vorbei.»
Recht hat er. Mohamed Salah gehört belohnt, weil er etwas Selbstverständliches, das in unserer Gesellschaft leider nicht selbstverständlich ist, zur Sprache bringt und vor allem das Richtige sagt. Gebt ihm den Titel des «Weltfussballer des Jahres»!

Gjergjajs Niederlage in Istanbul – die Analyse

Arnold Gjergjaj hat in Istanbul den Fight um den EM-Titel der Nicht-EU-Staaten nach Punkten einstimmig verloren. Die drei Punktrichter werteten die zwölf Runden mit 115:113, 115:113 und 118:110 zugunsten von Titelverteidiger Umut Camkiran. Die beiden ersten Wertungen kann man so sehen. Das 118:110 des Deutschen Iko Bebic, früher selber Boxer, heute auch als Tennistrainer unterwegs,  geht gar nicht. Es fragt sich, welche Brille Bebic da aufgehabt hat (oder ob er sich eine hätte aufsetzen sollen).
Das Kampfgeschehen war über die gesamte Distanz äusserst ausgeglichen. Arnold Gjergjaj machte gegen den bulligen K.o.-Schläger aus der Türkei, der zuvor alle elf Fights durch schnelle Niederschläge gewonnen hatte, vieles richtig und zeigte eine Darbietung, auf die sich aufbauen lässt. Vor allem defensiv überzeugte Gjergjaj. Er boxte im Klitschko-Stil – sprich: Er versuchte den Gegner dank seiner Reichweite auf Distanz zu halten, indem er ununterbrochen den Jab einsetzte. Und wenn es kritisch wurde, klammerte er und neutralisierte so den zweifelsfrei vorhandenen Punch von Camkiran. Dieser reagierte genervt, setzte im Infight mehrmals seinen Schädel ein oder stiess seinen Widersacher weg (wofür er vom Ringrichter auch getadelt wurde).
Richtig gut von Gjergjaj war, dass er ständig in Bewegung war, er zu Beginn jeder Runde tänzelte und für Camkiran nur schwer zu treffen war. Und wenn dieser doch einmal mit einer Schlagserie durchkam, dann steckte der Baselbieter die Treffer gut weg. Es gab kein einziges Mal einen Wackler, bei dem man dachte: Jetzt steht der K.o. bevor.
Aber: Auch Camkiran kam kaum einmal in Nöte. Das lag an zwei Dingen: Gjergjajs Jab macht zu wenig weh und ist noch zu selten eine Waffe. Wladimir Klitschko konnte es sich leisten, den gesamten Kampf nur mit der Führhand durchzuboxen. Weil sein Jab messerscharf und präzise angeflogen kam und das Gesicht des Gegners schon nach wenigen Runden arg zerbeulte. Das war bei Gjergjaj in Istanbul zu wenig der Fall. Oft war der Jab nur angedeutet oder traf auf die Handschuhe des Gegners.
Der zweite Grund, weshalb Camkiran relativ unbeschadet durch den Kampf kam: Gjergjaj setzte seine Schlaghand zu wenig ein – dabei ist diese sein Unique Selling Point. Wenn sich Boxexperten von etwas in der Karriere Gjergjajs beeindruckt zeigten, dann von Anfang an von dessen Schlaghärte: In seiner Rechten steckt richtig viel Dampf drin. Die wenigen Treffer, die Gjergjaj an Kopf und Körper des türkischen Rivalen landete, flössten diesem denn auch sichtbar Respekt ein. Aber um den Kampf zu gewinnen, reichte dies nicht – schon gar nicht im Silence Hotel zu Istanbul, das überhaupt nicht still war und wo die Zuschauer natürlich für den einheimischen Boxer lärmten.
Fazit: Auch wenn Arnold Gjergjaj verloren hat, bedeutet dieser Kampf nicht das Ende seiner Ambitionen. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn er schwer k.o. gegangen wäre. Davon aber war der Prattler weit entfernt. Defensiv war seine Leistung am Karfreitag mehr als ordentlich. Offensiv muss er beim nächsten Mal allerdings noch eine Schippe drauflegen. 

«Nai… nai… nai» – Erinnerungen an Gjergjajs Kampf in der O2-Arena

Es ist bald drei Jahre her, als Arnold Gjergjaj mit seinem Kampf gegen David Haye London und die Welt erobern wollte. Stattdessen wurde er zurückgeworfen und musste von der Provinz aus – in seinem Fall von Pratteln – an seiner beschwerlichen Rückkehr arbeiten. Nach einer weiteren Niederlage und zwei problemlosen Siegen versucht er sich nun an diesem Karfreitag in Istanbul gegen einen Gegner, der als K.o.-Schläger bekannt ist. Klar, kommen da Erinnerungen an jenen Mai-Abend in der O2-Arena auf, als er sich ebenfalls auf fremden Terrain beweisen wollte. Halb Boxbasel hatte sich damals auf den Weg in die englische Metropole gemacht. Niemand wusste, was von diesem Kampf zu erwarten war. Aber keiner rechnete mit einem solchen Drama: Bereits nach 36 Sekunden fiel 1,98-Zentimeter-Mann Gjergjaj wie eine Bahnschranke auf den Ringboden, nicht nach einem filigranen Treffer, sondern nach einer ganz simplen Geraden Hayes durch seine Doppeldeckung.

Davon erholte er sich nicht mehr, auch wenn er sich noch in die zweite Runde rettete. Das Publikum reagierte geschockt: Die Engländer, weil sie sich ausrechneten, wieviel sie ihr Ticket für die paar Sekunden gekostet hatte, die Basler, weil Gjergjaj ihnen einfach nur leid tat. Sitznachbar Stefan Plattner, damals noch für Telebasel unterwegs, rief nur: «Nai… nai… nai…» Musikerin Bettina Schelker, die auch schon für den Boxclub Basel in den Ring gestiegen war, hielt sich geschockt die Hand vor den Mund – und verliess die Arena nach dem jähen Ende in der 2. Runde wortlos und überstürzt. Von den englischen Boxfans war nachher im Bus zu hören, wie es dieser Schweizer nur auf soviele Siege hatte bringen können. Und die englischen Journalisten waren nur bei Hayes Pressekonferenz dabei, die Aussagen des Basler Boxers interessierten sie nicht mehr. Einer sprach von einem «Mismatch»; so nennt man einen Kampf, wenn zwei Boxer aufeinander treffen, die in total unterschiedlichen Ligen spielen. An diesem Abend war dies klar der Fall: Da traf ein Schnellzug auf einen Bummler, der schon nach wenigen Sekunden mit Motorschaden stehen bleibt.
Mal sehen, als was Gjergjaj in Istanbul unterwegs ist. Wir wünschen viel Glück.



Warum steht ihr hin und hört euch das an?

Eine Unsitte hat sich breit gemacht in den Fussballstadien der Schweiz und Deutschlands: Die Verlierermannschaft geht zu ihren Fans in der Kurve, was absolut in Ordnung ist – und muss sich nicht selten aufs Übelste beschimpfen lassen. Was absolut nicht in Ordnung ist. Es ist ein unwürdiges, peinliches Bild. Erwachsene Männer stehen verloren wie Schulbuben da, hinter dem Zaun (man ist froh, gibt es ihn) streckt ein wilder Haufen Idioten – man kann diese «Anhänger» nicht anders nennen – ihnen den Mittelfinger entgegen. Man stelle sich das in anderen Berufen vor: Ein Bäcker vergisst aus Versehen (wie kürzlich vorgekommen) das Salz, woraufhin die Kunden nach Ladenschluss vor das Geschäft stehen und die Angestellten wüst beschimpfen und ihnen den Mittelfinger zeigen. Obwohl sie vielleicht ihr Bestes gegeben haben.
Ich schlage deshalb vor: Nach Spielschluss sollen sich die Verlierer sofort in die Kabine zurückziehen können, wenn sie merken, dass der Mob mal wieder ausfällig wird. Oder sie gehen in die Kurve und zeigen diesen Fans, die eigentlich keine sind, ihrerseits den Mittelfinger. Das wäre mal ein Bild!

Der Tagi erinnert im Hinblick auf das 25. Duell zwischen Roger Federer und Stan Wawrinka von heute Nacht (2 Uhr in der Früh) an die Begegnung im Jahre 2017 in Indian Wells. Der Baselbieter siegte und Wawrinka revanchierte sich bei der Zeremonie mit den Worten: «Roger lacht. Er ist ein Arschloch.»

Trotz des spektakulären Kraftausdrucks ist es die falsche Begegnung, wenn es darum geht, die Tennisfans für das Spiel zwischen den beiden Schweizern heiss zu machen. Denn eine Partie war viel spektakulärer und wurde Ende Saison prompt auch zum «Tennismatch des Jahres» gewählt: der Halbfinal 2014 der ATP World Tour Finals in London. Die beiden bekämpften sich in dieser Tennisschlacht, als ob es kein Morgen und vor allem keinen Davis-Cup-Final eine Woche später gegeben hätte. Jahrelang war der Romand der Loser vom Dienst gewesen, die ewige Nummer 2 hinter dem Strahle- und Landsmann aus der Deutschschweiz. Doch nun hatte er sich erfrecht, am Thron von King Roger zu rütteln. Das wollten sich die Federers nicht bieten lassen – weder Roger noch Gattin Mirka: «Cry Baby» rief sie in Richtung des Romands, obwohl dieser doch seit neuestem Stan The Man genannt wurde.

Roger Federer bebte vor Wut, wenn er gerade einen Verlustpunkt erlitten hatte; selten habe ich in seiner langen Karriere einen solchen Furor in seinen Augen gesehen. Kein Thriller hätte spannender verlaufen können als dieses Spiel. Federer wehrte nicht weniger als vier Matchbälle ab und siegte am Ende 4:6, 7:5, 7:6. Ein paar Stunden später konnte er nach der Anstrengung kaum mehr gehen, der Rücken war blockiert, die Gelenke und Muskeln schmerzten, sodass er schliesslich am Finaltag in Alltagskleidern auf dem Court angekrochen kam und Forfait erklären musste.

Trotzdem reichte es gegen ein inferiores Frankreich nur wenige Tage später zum erstmaligen und einzigen Schweizer Davis-Cup-Triumph. An Federers Seite: Stan Wawrinka. Die beiden spielten zusammen, als ob da nie etwas gewesen wäre. Der Abschluss einer total verrückten Woche.

Drei Bemerkungen zum ziemlich verrückten Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Manchester United:
1. Das war kein Penalty! PSG-Verteidiger Presnel Kimpembe dreht sich beim Schuss von Diogo Dalot um – der Ball fliegt ihm an die Hand, als er schon rückwärts zum Ball in der Luft abhebt. Die Regel aber besagt, dass die Hand absichtlich zum Ball muss, damit es Elfmeter gibt: «Hand to ball». Wie soll das möglich sein, wenn sich der Spieler abgedreht hat?
2. Ich habe grössten Respekt vor Gianluigi Buffon (41) – und kaum etwas finde ich penibler als die Altersfrage (Beispiel Federer). Aber: Buffon bringts nicht mehr. Um die Champions League zu gewinnen, braucht es auch ganz hinten das gewisse Extra und sicher nicht ein halbes Eigentor, wie es ihm unterlaufen ist.
3. Thiago Silva ist ein armes Schwein: Schon wieder so ein Match, in dem seine Mannschaft am Ende wie paralysiert auf dem Feld steht: Okay, beim 1:7 gegen Deutschland an der WM 2014 stand er wegen einer Sperre nicht auf dem Feld, schlimm genug, ja ein Alptraum waren die 90 Minuten auch so. Und nun dieses absolut nicht zu erwartende Aus gegen ManU: Entsprechend geschockt wirkte er beim Interview nach dem Spiel. 

Werner Schneyder 2001: «Mich ödet die Überfütterung an»

Werner Schneyder war in seiner Karriere schon vieles: Satiriker, Schauspieler, Moderator, Chansonsänger, Ringrichter und – Sportkommentator. Unvergesslich, wie er Boxen kommentierte: mit seinem trockenen Humor hielt er sich mögliche Kritiker (und von denen gibts viele im Fernsehpublikum!) so vom Leib wie Wladimir Klitschko seine Gegner mit dem Jab. 2001 hatte ich das Vergnügen, Werner Schneyder am Sportsymposium in Basel zu interviewen. Schon damals kritisierte er den Sport-Overkill am Fernsehen: Er meinte das Tennis und befürchtete, dass es auch beim Fussball zu viel werden könnte. Hier nochmals das ganze Interview, das damals in einer düsteren Weltlage stattfand; 6 Wochen zuvor hatten die Terroranschläge in New York die Welt schockiert.


Werner Schneyder, wie wichtig ist Ihnen Sport in diesen Tagen?

Werner Schneyder: Es ist nicht anders als an andern Tagen. Sport begleitet mich von den Bubenträumen weg bis hin zur Altersresignation. Sport hat in jedem Lebensalter seine Funktion. Als Kind träumt man davon, was man im Sport wird erreichen können. Und im Alter träumt man sich zurück.

Viele sagen sich jedoch: Was interessiert mich bei all dem, was über die Welt hereinbricht, der Sport?

Dass man am Tag selbst oder am Tag danach unter Schock steht und sagt, ich mag heute keinen Fussball sehen, verstehe ich. Bereits am zweiten oder dritten Tag muss man aber sagen: Wenn es den Terroristen gelingt, unser Leben zu lähmen, und dazu gehört auch jede Art von Entertainment, dann haben die ja etwas erreicht. Dagegen müssen wir uns psychologisch wehren.

Sie haben einmal gesagt, dass es unstatthaft sei, das bisschen Wut, das wir noch in uns haben, an die Degeneration des Sports zu verschwenden - angesichts dessen, was in der Welt alles passiert.

Das stimmt ja auch. Ich sage immer: Die menschliche Gesellschaft gibt sich so viele Blössen und hat so viele negative Entwicklungen, und immer zeigt man mit dem Finger auf den Sport. Im Sport sei es besonders schlimm. Dabei ist es im Sport überhaupt nicht besonders schlimm, nur sieht man es im Sport so schön. Im Sport ist Korruption so wunderbar sichtbar. Und auch der Kapitalismus.

Also keine friedlichen Oasen im Sport, welche die Wirklichkeit aussen vor lassen?

Es gibt zumindest immer wieder schöne Details. Wenn etwa ein Eishockeyspieler auf seinen alten Club trifft und er beim Warmlaufen mit einem ehemaligen Mitspieler eine Runde dreht und quatscht. Das wärmt mir das Herz. Oder der Sonntagvormittagfussball auf dem Dorf. Ich sehe ihn zwar selten, aber wenn, freue ich mich umso mehr. Da essen die Leute ihre Wurst, trinken ein Bier und rufen rein, und die Fussballer spielen voller Leidenschaft.

Was sehen Sie sich sonst noch an?

Vielerlei. Ich habe eine spezielle Vorliebe für Eishockey, dann schaue ich Boxen, Tennis, Leichtathletik, vor allem die Mittelstreckenläufe. Ich finde die Dramaturgie eines 800-m-Laufes etwas vom Spannendsten. Die 100 m gehen mir zu rasch, die 200 mag ich auch nicht so, weil ich erst nach der Kurve weiss, wer vorne ist.

Was ödet Sie an im Sport?

Mich ödet die Überfütterung an. Es ist grauenhaft, dass das Fernsehen uns das Tennis so verdorben hat mit seinem Überangebot. Ich fürchte, dass es auch im Fussball so kommen wird. Ich habe am Dienstagabend die Zusammenfassung der Champions-League-Spiele geschaut und in der Mitte hats mir gereicht. Es ist too much. Formel 1 hasse ich, da habe ich die grösstmögliche Antipathie dafür, die es gibt. Ich mag Sportarten nicht, bei denen das Gerät eine so unglaubliche Rolle spielt. Beim Fussball gibts den Ball, beim Tennis ein Racket, beim Skifahren angeschnallte Bretter. Das steht in einer vernünftigen Relation zum menschlichen Körper. Ein Bolide ist ein Unding.

Sie haben die Mitschuld der Medien erwähnt.

Es geht nicht nur um die Überfütterung. Die meisten Medien verstehen sich auch als Agenten des Sports. Beim Fernsehen wirds noch ein bisschen ärger. Da sind die TV-Anstalten teils sogar Veranstalter eines Events. Wenn sich ein Sender heute einen Boxstall exklusiv sichert, besteht natürlich die Gefahr, dass er nicht mehr kritisch sein will. Das führt dazu, dass bei einer miserablen Fussball-WM die Reporter jener Sender, welche die Rechte für viel Geld erworben haben, nicht sagen werden, dass die Spiele todlangweilig sind.

Das war während Ihrer Tätigkeit als Kommentator bei RTL nie der Fall?

Zumindest beim Boxen nicht, das ist an meiner Person gescheitert. Die gescheiten Leute haben dort gemerkt, dass die kritische Art der Livereportage ein Randpublikum anzieht, das grösser ist als jenes Publikum, das man beim Boxen ohnehin hat. Wenn Sie kritisch sind, können Sie die Anhänger eines Sportes nie vertreiben. Sie können sie böse machen, aber vertreiben werden Sie sie nicht.

Boxen hat derzeit nicht den besten Ruf. Man hört oft, das Niveau von heute sei nicht mehr mit früher zu vergleichen.

Solche Vergleiche sind immer ein Unsinn. Die von uns heute verklärten Fussballteams vor 50 Jahren würden heute 0:10 verlieren, auch gegen die Schweizer. Alles ist viel schneller geworden, alles hat sich verändert.

Sie haben in diesem Gespräch vieles kritisiert. Haben Sie auch konkrete Lösungsvorschläge?

Jede Menge. Nehmen Sie die Abseitsregel: Dass die verantwortlichen Leute nichts daran ändern wollen, geht mir nicht in den Kopf. Wir wissen, dass neun von zehn knappen Abseitsentscheidungen falsch sind. Dieser Sport lebt damit, dass ständig reelle Torchancen abgepfiffen werden, und das macht ihn zur Lotterie. Man müsste mit der verlängerten 16er-Linie experimentieren; Abseits ist demnach nur im Strafraum möglich. Dadurch hat der Linienrichter nur einen gewissen Bereich zu überblicken und die Häufigkeit der Abseitsfälle verringert sich.

Die Sportwelt ist also zu starr...

... und zu fantasielos. Was ich beispielsweise nicht mag, ist der Fosbury-Flop. Die Athleten kommen ja mit dem Nacken auf. Wenn die nicht die riesige Matte hätten, wären sie tot. Ich bin der Meinung, sie müssten genau so weit herunterfallen, wie sie hochspringen. Dann würden sie sich den Fosbury-Flop schnell abgewöhnen. So wie es jetzt ist, ist es absurd. Sport soll doch mit der menschlichen Natur zu tun haben. Wenn ich irgendwo hinauf springe, dann muss ich ja auch genauso hoch wieder runterfallen.

Sonst noch eine Idee?

Aber ja doch. Man sollte Wettbewerbe für gedopte, die sich dazu bekennen, und für nicht gedopte Sportler machen. Ich sehe nicht ein, weshalb man Menschen daran hindern soll, sich zu ruinieren. Selbstmord ist ein Menschenrecht.

Klingt zynisch und doch schauen Sie sich das alles an.

Der Widerspruch ist unauflöslich. Ich bleibe lieber im System und mache Vorschläge. Ich gehöre ja zu dieser Gesellschaft. Das enthebt mich aber nicht der Pflicht, eine Meinung zu haben.
(Foto: flickr.com)

100 Titel sind eine schöne, stolze Zahl. Zeit für eine kleine Rückschau auf Roger Federers Triumphe – welcher der 100 Titel war der wichtigste? Hier das ultimative Ranking der 10 schönsten Federer-Titel:

10. Wimbledon 2007. Ein epischer Final gegen Rafael Nadal. Federer siegt knapp in fünf Sätzen.

9. Basel 2010. Ein Jahr zuvor hatte sich Roger Federer an den Swiss Indoors Novak Djokovic geschlagen geben müssen – im Grunde eine Majestätsbeleidigung für King Roger. 2010 gelang die Revanche, Federer sorgte dafür, dass zumindest in Basel die Kirche im Dorf blieb.

8. Wimbledon 2012. Grosses Kino im Endspiel von Wimbledon 2012: Andy Murray möchte unbedingt den Bann brechen und 76 Jahre nach Fred Perry endlich wieder einmal den Titel in England belassen. Murray hat die Sympathien des Publikums, Federer nach einem Viersatz-Sieg dafür den Pokal in den Händen.

7. Mailand 2001. Drei Jahre, nachdem er auf der Tour eingestiegen war, holte Federer 2001 in Mailand seinen ersten Titel. Der Gegner: Julien Boutter (Julien who?). Die Premiere bleibt immer in besonderer Erinnerung, auch wenn man bei Mailand nicht unbedingt zuerst an Tennis denkt.

6. US Open 2006. Andre Agassi zu besiegen war für Federer immer etwas Besonderes; in Agassis Heimturnier in New York zu gewinnen, machte den Triumph noch süsser. Es war die letzte Finalteilnahme des Amerikaners an einem Grand-Slam-Event; die Niederlage gegen Federer zeigte ihm, dass seine Zeit abgelaufen war.

5. Wimbledon 2009. Weil es vielleicht der dramatischste Finalsieg seiner Karriere war. Er besiegte Andy Roddick mit 5:7, 7:6 (6), 7:6 (5), 3:6, 16:14. Normalerweise hat Federer die Mehrheit der Fans hinter sich, hier aber hätten die Zuschauer dem US-Amerikaner den Sieg genauso gegönnt; schliesslich war er zuvor in Wimbledon schon zweimal leer ausgegangen. Doch Federer kennt in solchen Momenten kein Pardon.

4. Basel 2006. Sein Heimturnier hat einen sehr hohen Stellenwert für ihn. Ausgerechnet an den Swiss Indoors aber bekundete er Mühe. Zweimal verlor er und vergoss bittere Tränen, weil er dachte, dass er hier vor eigenem Publikum nie mehr gewinnen könne. Dann wiederum war er verletzt. Umso schöner der erste Erfolg 2006, als er Fernando Gonzalez besiegte.

3. Australian Open 2017. Federer musste wegen einer Knie-OP ein halbes Jahr aussetzen. Seine Karriere hing an einem dünnen Faden. Seit 2012 hatte er keinen Major-Titel mehr gewonnen. Umso grossartiger sein Comeback, als er Rafael Nadal in einem epischen Endspiel in fünf Sätzen besiegte.

2. French Open 2009. Selten sah man Roger Federer glücklicher als nach seinem Triumph am French Open 2009. Ein Jahr zuvor war er – man kann es nicht anders sagen – von Rafael Nadal an selber Stätte gedemütigt worden, als er gerade mal vier Games nach Hause brachte. Er schien den Glauben verloren zu haben, diesen Titel irgendwann gewinnen zu können. Doch dann schied Nadal überraschend vorzeitig aus – und Federer sprang in die Lücke. Er besiegte Robin Söderling in drei Sätzen.

1. Wimbledon 2003. Roger Federer erklärte mehrmals, dass er schon mit einem einzigen Grand-Slam-Titel zufrieden gewesen wäre. Indem er in Wimbledon gewann, erfüllte sich sein Traum. Schon früh wurde ihm von den Tennis-Experten alles zugetraut, erst recht nach dem Sieg gegen Pete Sampras 2001. Doch der Schweizer hatte Mühe, die hohen Erwartungen an den Big Events zu erfüllen. 2002 schied er in Paris und Wimbledon bereits in der Auftaktrunde aus. Der Finalerfolg 2003 gegen Mark Philippoussis war die Befreiung und der Anfang von vielen grossen Siegen.

Gestern schrieb ich an dieser Stelle: Fabian Schär muss immer, immer spielen. Gut, dass er dies gestern dann auch durfte, wie man gesehen hat...! Heute muss ein anderer unbedingt spielen: Noah Okafor. Er lieferte letzten Samstag gegen Neuchâtel Xamax einen überragenden Match ab. Okafor gehört in die Startaufstellung im heutigen Cup-Match gegen Sion (20.30 Uhr). Was wäre das für ein Signal, wenn er nach so einer Leistung auf der Bank Platz nehmen müsste? Und: Das Momentum ist im Fussball wichtig. Darauf muss ein Trainer achten. Es gibt viele Beispiele, bei denen ein Trainer das Momentum überhaupt nicht berücksichtigte – und man sich als Aussenstehender nur an den Kopf greifen konnte. Bis heute nicht vergessen habe ich, wie Köbi Kuhn Valentin Stocker nicht für die Heim-EM 2008 berücksichtigte, obwohl der Stürmer beim FCB überragend spielte. Aber Stocker war damals erst 19 Jahre alt. Und noch nicht etabliert. Das gewichtete Köbi Kuhn höher als das Momentum; an der EM sah man dann, dass Stocker sicher ein Gewinn gewesen wäre – so lahm und zahm, wie sich die Schweizer Offensive damals präsentierte.
Besagter Stocker könnte übrigens heute Abend zum Einsatz kommen. Ausgerechnet für Okafor. Allerdings kann auch Stocker das Momentum für sich reklamieren: Gegen Xamax traf er nach langer Durststrecke endlich wieder einmal. Wäre ich Trainer, würde ich mich trotzdem für Noah Okafor entscheiden.

Spektakel-Schär

Es ist eine Wohltat, dass es Fabian Schär bei Newcastle so gut läuft. Ich konnte nie verstehen, weshalb er immer wieder so hart kritisiert wurde. Okay, hin und wieder beging er in der Defensive einen gröberen Bock. Oft aber auch nur deshalb, weil er etwas riskiert. Schär ist vieles, aber sicher kein Langweiler, er steht für Spektakel, er prescht gerne nach vorne, er sucht das riskante Zuspiel – Spieler wie er sind mir tausend Mal lieber als diese Querpass-Heinis, die auch bei einem 0:1-Rückstand in der 89. Minute partout das Risiko vermeiden als nochmals etwas zu versuchen. Schär muss immer, immer spielen!

Bencic ist reif für einen Grand-Slam-Titel!

Es ist nun fünf Jahre her, seit Belinda Bencic erstmals an den Major-Events aufkreuzte und sich einem grösseren Publikum bekannt machte. Rasch ging es aufwärts, 2016 war sie bereits die Nummer 7 der Welt. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, wann sie erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Doch manchmal kommt es anders, als man denkt. Bencic verletzte sich, zudem löste sie sich zwischenzeitlich von ihrem Vater Ivan, der sie von Anfang an als Coach betreut hatte. Sie fiel weit zurück. «Auch dafür muss Platz sein», hatte Ivan Bencic vor fünf Jahren in einem Interview auf die Frage geantwortet, wie man mit einer schwierigen Phase umzugehen gedenkt.
Das hat sich bewährt. Bencic ist zurück. Die Liebe mit ihrem Fitnesstrainer Martin Hromkovic scheint sie zusätzlich zu stimulieren. Vater Ivan sitzt wieder als Coach an der Seitenlinie. Bencic ist reifer geworden – und nun tatsächlich bereit für den nächsten Schritt: Wenn sie so weiterspielt, wird sie bei der Vergabe eines Grand-Slam-Titels ein wichtiges Wort mitreden. Schöne Aussichten auch für Swiss Tennis: Denn mit ihren 21 Jahren und der Spielfreude, die sie an den Tag legt, hat Bencic die Zukunft noch vor sich.
Fabian Frei hat hinten nichts zu suchen

Der FC Basel und seine Probleme mit der Innenverteidigung: Das gehört diese Saison so zwingend dazu wie das Tattoo auf dem Körper eines Profifussballers. Carlos Zambrano fällt im heutigen Auswärtsspiel des FCB gegen Neuchâtel Xamax erneut aus: Ganze 171 Minuten hat der 29-Jährige bis jetzt gespielt, nun ist er bereits wieder verletzt. Der FCB und Peru: Das passt – über vier Jahrzehnte nach Teofilo Cubillas – offenbar weiterhin nicht zusammen.
Marek Suchy ist in der Innenverteidigung gesetzt, die BaZ spekuliert, dass Trainer Marcel Koller abermals auf Fabian Frei zurückgreifen könnte und dafür Eray Cömert sowie Yves Kaiser draussen lässt. Es wäre ein Fehler. Frei ist vieles, Wortführer, (Ersatz-)Captain, Routinier, aber ein Innenverteidiger ist er definitiv nicht. Dort hinten verkommt er wie ein Schluck Wasser zur Bedeutungslosigkeit und flösst den gegnerischen Angreifern null Angst ein. Frei gehört weiter nach vorne, wo seine Fähigkeiten – vor allem das gute Passspiel – zum Tragen kommen. Noch sind es ein paar Stunden zum Spiel, die Hoffnung lebt.