Gjergjajs Niederlage in Istanbul – die Analyse

Arnold Gjergjaj hat in Istanbul den Fight um den EM-Titel der Nicht-EU-Staaten nach Punkten einstimmig verloren. Die drei Punktrichter werteten die zwölf Runden mit 115:113, 115:113 und 118:110 zugunsten von Titelverteidiger Umut Camkiran. Die beiden ersten Wertungen kann man so sehen. Das 118:110 des Deutschen Iko Bebic, früher selber Boxer, heute auch als Tennistrainer unterwegs,  geht gar nicht. Es fragt sich, welche Brille Bebic da aufgehabt hat (oder ob er sich eine hätte aufsetzen sollen).
Das Kampfgeschehen war über die gesamte Distanz äusserst ausgeglichen. Arnold Gjergjaj machte gegen den bulligen K.o.-Schläger aus der Türkei, der zuvor alle elf Fights durch schnelle Niederschläge gewonnen hatte, vieles richtig und zeigte eine Darbietung, auf die sich aufbauen lässt. Vor allem defensiv überzeugte Gjergjaj. Er boxte im Klitschko-Stil – sprich: Er versuchte den Gegner dank seiner Reichweite auf Distanz zu halten, indem er ununterbrochen den Jab einsetzte. Und wenn es kritisch wurde, klammerte er und neutralisierte so den zweifelsfrei vorhandenen Punch von Camkiran. Dieser reagierte genervt, setzte im Infight mehrmals seinen Schädel ein oder stiess seinen Widersacher weg (wofür er vom Ringrichter auch getadelt wurde).
Richtig gut von Gjergjaj war, dass er ständig in Bewegung war, er zu Beginn jeder Runde tänzelte und für Camkiran nur schwer zu treffen war. Und wenn dieser doch einmal mit einer Schlagserie durchkam, dann steckte der Baselbieter die Treffer gut weg. Es gab kein einziges Mal einen Wackler, bei dem man dachte: Jetzt steht der K.o. bevor.
Aber: Auch Camkiran kam kaum einmal in Nöte. Das lag an zwei Dingen: Gjergjajs Jab macht zu wenig weh und ist noch zu selten eine Waffe. Wladimir Klitschko konnte es sich leisten, den gesamten Kampf nur mit der Führhand durchzuboxen. Weil sein Jab messerscharf und präzise angeflogen kam und das Gesicht des Gegners schon nach wenigen Runden arg zerbeulte. Das war bei Gjergjaj in Istanbul zu wenig der Fall. Oft war der Jab nur angedeutet oder traf auf die Handschuhe des Gegners.
Der zweite Grund, weshalb Camkiran relativ unbeschadet durch den Kampf kam: Gjergjaj setzte seine Schlaghand zu wenig ein – dabei ist diese sein Unique Selling Point. Wenn sich Boxexperten von etwas in der Karriere Gjergjajs beeindruckt zeigten, dann von Anfang an von dessen Schlaghärte: In seiner Rechten steckt richtig viel Dampf drin. Die wenigen Treffer, die Gjergjaj an Kopf und Körper des türkischen Rivalen landete, flössten diesem denn auch sichtbar Respekt ein. Aber um den Kampf zu gewinnen, reichte dies nicht – schon gar nicht im Silence Hotel zu Istanbul, das überhaupt nicht still war und wo die Zuschauer natürlich für den einheimischen Boxer lärmten.
Fazit: Auch wenn Arnold Gjergjaj verloren hat, bedeutet dieser Kampf nicht das Ende seiner Ambitionen. Das wäre nur der Fall gewesen, wenn er schwer k.o. gegangen wäre. Davon aber war der Prattler weit entfernt. Defensiv war seine Leistung am Karfreitag mehr als ordentlich. Offensiv muss er beim nächsten Mal allerdings noch eine Schippe drauflegen.