Werner Schneyder 2001: «Mich ödet die Überfütterung an»

Werner Schneyder war in seiner Karriere schon vieles: Satiriker, Schauspieler, Moderator, Chansonsänger, Ringrichter und – Sportkommentator. Unvergesslich, wie er Boxen kommentierte: mit seinem trockenen Humor hielt er sich mögliche Kritiker (und von denen gibts viele im Fernsehpublikum!) so vom Leib wie Wladimir Klitschko seine Gegner mit dem Jab. 2001 hatte ich das Vergnügen, Werner Schneyder am Sportsymposium in Basel zu interviewen. Schon damals kritisierte er den Sport-Overkill am Fernsehen: Er meinte das Tennis und befürchtete, dass es auch beim Fussball zu viel werden könnte. Hier nochmals das ganze Interview, das damals in einer düsteren Weltlage stattfand; 6 Wochen zuvor hatten die Terroranschläge in New York die Welt schockiert.


Werner Schneyder, wie wichtig ist Ihnen Sport in diesen Tagen?

Werner Schneyder: Es ist nicht anders als an andern Tagen. Sport begleitet mich von den Bubenträumen weg bis hin zur Altersresignation. Sport hat in jedem Lebensalter seine Funktion. Als Kind träumt man davon, was man im Sport wird erreichen können. Und im Alter träumt man sich zurück.

Viele sagen sich jedoch: Was interessiert mich bei all dem, was über die Welt hereinbricht, der Sport?

Dass man am Tag selbst oder am Tag danach unter Schock steht und sagt, ich mag heute keinen Fussball sehen, verstehe ich. Bereits am zweiten oder dritten Tag muss man aber sagen: Wenn es den Terroristen gelingt, unser Leben zu lähmen, und dazu gehört auch jede Art von Entertainment, dann haben die ja etwas erreicht. Dagegen müssen wir uns psychologisch wehren.

Sie haben einmal gesagt, dass es unstatthaft sei, das bisschen Wut, das wir noch in uns haben, an die Degeneration des Sports zu verschwenden - angesichts dessen, was in der Welt alles passiert.

Das stimmt ja auch. Ich sage immer: Die menschliche Gesellschaft gibt sich so viele Blössen und hat so viele negative Entwicklungen, und immer zeigt man mit dem Finger auf den Sport. Im Sport sei es besonders schlimm. Dabei ist es im Sport überhaupt nicht besonders schlimm, nur sieht man es im Sport so schön. Im Sport ist Korruption so wunderbar sichtbar. Und auch der Kapitalismus.

Also keine friedlichen Oasen im Sport, welche die Wirklichkeit aussen vor lassen?

Es gibt zumindest immer wieder schöne Details. Wenn etwa ein Eishockeyspieler auf seinen alten Club trifft und er beim Warmlaufen mit einem ehemaligen Mitspieler eine Runde dreht und quatscht. Das wärmt mir das Herz. Oder der Sonntagvormittagfussball auf dem Dorf. Ich sehe ihn zwar selten, aber wenn, freue ich mich umso mehr. Da essen die Leute ihre Wurst, trinken ein Bier und rufen rein, und die Fussballer spielen voller Leidenschaft.

Was sehen Sie sich sonst noch an?

Vielerlei. Ich habe eine spezielle Vorliebe für Eishockey, dann schaue ich Boxen, Tennis, Leichtathletik, vor allem die Mittelstreckenläufe. Ich finde die Dramaturgie eines 800-m-Laufes etwas vom Spannendsten. Die 100 m gehen mir zu rasch, die 200 mag ich auch nicht so, weil ich erst nach der Kurve weiss, wer vorne ist.

Was ödet Sie an im Sport?

Mich ödet die Überfütterung an. Es ist grauenhaft, dass das Fernsehen uns das Tennis so verdorben hat mit seinem Überangebot. Ich fürchte, dass es auch im Fussball so kommen wird. Ich habe am Dienstagabend die Zusammenfassung der Champions-League-Spiele geschaut und in der Mitte hats mir gereicht. Es ist too much. Formel 1 hasse ich, da habe ich die grösstmögliche Antipathie dafür, die es gibt. Ich mag Sportarten nicht, bei denen das Gerät eine so unglaubliche Rolle spielt. Beim Fussball gibts den Ball, beim Tennis ein Racket, beim Skifahren angeschnallte Bretter. Das steht in einer vernünftigen Relation zum menschlichen Körper. Ein Bolide ist ein Unding.

Sie haben die Mitschuld der Medien erwähnt.

Es geht nicht nur um die Überfütterung. Die meisten Medien verstehen sich auch als Agenten des Sports. Beim Fernsehen wirds noch ein bisschen ärger. Da sind die TV-Anstalten teils sogar Veranstalter eines Events. Wenn sich ein Sender heute einen Boxstall exklusiv sichert, besteht natürlich die Gefahr, dass er nicht mehr kritisch sein will. Das führt dazu, dass bei einer miserablen Fussball-WM die Reporter jener Sender, welche die Rechte für viel Geld erworben haben, nicht sagen werden, dass die Spiele todlangweilig sind.

Das war während Ihrer Tätigkeit als Kommentator bei RTL nie der Fall?

Zumindest beim Boxen nicht, das ist an meiner Person gescheitert. Die gescheiten Leute haben dort gemerkt, dass die kritische Art der Livereportage ein Randpublikum anzieht, das grösser ist als jenes Publikum, das man beim Boxen ohnehin hat. Wenn Sie kritisch sind, können Sie die Anhänger eines Sportes nie vertreiben. Sie können sie böse machen, aber vertreiben werden Sie sie nicht.

Boxen hat derzeit nicht den besten Ruf. Man hört oft, das Niveau von heute sei nicht mehr mit früher zu vergleichen.

Solche Vergleiche sind immer ein Unsinn. Die von uns heute verklärten Fussballteams vor 50 Jahren würden heute 0:10 verlieren, auch gegen die Schweizer. Alles ist viel schneller geworden, alles hat sich verändert.

Sie haben in diesem Gespräch vieles kritisiert. Haben Sie auch konkrete Lösungsvorschläge?

Jede Menge. Nehmen Sie die Abseitsregel: Dass die verantwortlichen Leute nichts daran ändern wollen, geht mir nicht in den Kopf. Wir wissen, dass neun von zehn knappen Abseitsentscheidungen falsch sind. Dieser Sport lebt damit, dass ständig reelle Torchancen abgepfiffen werden, und das macht ihn zur Lotterie. Man müsste mit der verlängerten 16er-Linie experimentieren; Abseits ist demnach nur im Strafraum möglich. Dadurch hat der Linienrichter nur einen gewissen Bereich zu überblicken und die Häufigkeit der Abseitsfälle verringert sich.

Die Sportwelt ist also zu starr...

... und zu fantasielos. Was ich beispielsweise nicht mag, ist der Fosbury-Flop. Die Athleten kommen ja mit dem Nacken auf. Wenn die nicht die riesige Matte hätten, wären sie tot. Ich bin der Meinung, sie müssten genau so weit herunterfallen, wie sie hochspringen. Dann würden sie sich den Fosbury-Flop schnell abgewöhnen. So wie es jetzt ist, ist es absurd. Sport soll doch mit der menschlichen Natur zu tun haben. Wenn ich irgendwo hinauf springe, dann muss ich ja auch genauso hoch wieder runterfallen.

Sonst noch eine Idee?

Aber ja doch. Man sollte Wettbewerbe für gedopte, die sich dazu bekennen, und für nicht gedopte Sportler machen. Ich sehe nicht ein, weshalb man Menschen daran hindern soll, sich zu ruinieren. Selbstmord ist ein Menschenrecht.

Klingt zynisch und doch schauen Sie sich das alles an.

Der Widerspruch ist unauflöslich. Ich bleibe lieber im System und mache Vorschläge. Ich gehöre ja zu dieser Gesellschaft. Das enthebt mich aber nicht der Pflicht, eine Meinung zu haben.
(Foto: flickr.com)