Blog: Aus der Tiefe des Raums

Arthur Cabral muss bleiben!

Der allgemeine Tenor lautet, dass Arthur Cabral bei einem guten Angebot eines ausländischen Clubs weg ist. Doch was ist ein gutes Angebot? Dazu ein paar Überlegungen. Der FC Basel soll im Sommer 2020 für die Übernahme des Goalgetters 4,4 Millionen Euro an Palmeiras Sao Paulo überwiesen haben. Der Deal sieht für den brasilianischen Club eine Weiterverkaufsbeteiligung von – je nach Quelle – 30 oder 50 Prozent auf den Erlös vor, der die bezahlten 4,4 Millionen Euro der Basler übersteigt. Da kann man schnell ausrechnen, dass bei den kolportierten 12 Millionen, die für Cabral verlangt werden, gar nicht mehr soviel an Gewinn übrigbleibt – erst recht nicht, wenn die Variante mit den 50 Prozent Weiterverkaufsbeteiligung stimmt. 

Natürlich ist der FC Basel aufgrund seines strukturierten Defizits um jeden zusätzlichen Franken froh. Trotzdem muss man sich fragen, ob es richtig wäre, ihn für diesen Betrag abzugeben. Nehmen wir an, die oben erwähnte 30-Prozent-Variante entspricht der Wahrheit, dann ergibt das einen Gewinn von 6,6 Millionen Franken Euro. Ein nettes Sümmchen, aber trotzdem viel zu wenig für einen Stürmer, der für Rotblau in 80 Spielen sagenhafte 60 Tore erzielt hat – und das, obwohl die vergangene Saison ziemlich durchzogen war und Cabral in einigen Spielen äusserst lustlos agierte.  

Sein Nachfolger ist auch nicht kostenlos zu haben. Georgios Giakoumakis vom VVV Venlo beispielsweise, an dem die Basler gerüchteweise Interesse bekunden, kostet mindestens 2,5 Millionen Euro – was den Transfergewinn für Cabral deutlich schmälern würde. Zudem ist nicht garantiert, dass er beim FCB auch so treffsicher agiert wie derzeit beim holländischen Club, der trotz der vielen Tore Giakoumakis’ absteigen musste. 

Bei Arthur Cabral weiss man, was man hat. Er zählt zu den Publikumslieblingen, hat sich gut eingelebt und ein hohes Standing bei Vorgesetzten und Mitspielern. Mit ihm scheint sportlich vieles möglich – sowohl national als auch international. Erfolg wiederum spült Geld in die Kasse und zwar nicht zu knapp. Für das Erreichen der Gruppenphase der Conference League würde der FCB fast drei Millionen Euro erhalten. Für jeden Punkt in der Gruppenphase gibts 0,17 Millionen, für den Gruppensieg nochmals 0,65 Millionen Euro. Das läppert sich. Und – träumen ist erlaubt – der Gewinn der Conference League stünde nochmals mit satten 5 Millionen Euro zu Buche, zuzüglich nationale TV-Einnahmen und Gelder aus dem Koeffizienten-Pool. 

Der erneuerte FCB unter David Degen ist gut gestartet, da wäre es schade, die noch frische Euphorie schon wieder zu bremsen. Ich bin deshalb klar dafür, dass man Arthur Cabral diese Saison beim FCB behält – er hat hier noch lange nicht fertig. Wenn man den Torgaranten aber wirklich weiterverkaufen will (oder muss), dann für deutlich mehr als «bloss» 12 Millionen Euro.

So muss die Schweiz spielen

Die Schweiz hat die Chance, gegen die Türkei die pitoyable Leistung gegen Italien und das enttäuschende 1:1 gegen Wales auf einen Schlag vergessen zu machen. Was es dafür braucht?

  • Granit Xhaka muss Verantwortung übernehmen. Und bereit sein, Risiko einzugehen. Nur für Quer- und Rückpässe braucht es ihn nicht. Seine Fähigkeiten sind mit diesem Sicherheitsstil «verschenkt». Gegen Italien hatte er xmal die Chance, in den freien Raum vorzustossen. Stattdessen beliess er es dabei, im ewig gleichen gemächlichen Tempo im Zentrum herumzutraben – und dann zurück zu Manuel Akanji zu spielen. Xhaka muss als Chef selber dafür sorgen, dass das Schweizer Spiel schnell und in die Länge gezogen wird, die Spielanlage mit Spielern wie Embolo, Shaqiri und Seferovic (oder Gavranovic) hat vertikal zu sein. Mannschaften, die allzu sehr auf Querspielen und Pseudo-Tiki-Taka setzen (Pseudo, weil sie es halt tausend mal schlechter beherrschen als das spanische Original, das so 2010 Welt- und 2012 Europameister wurde), haben heutzutage keinen Erfolg mehr. Dafür sind die gegnerischen Mannschaften defensiv viel zu gut organisiert, die Räume enger als jemals zuvor.
  • Xherdan Shaqiri muss wieder lustvoll Fussball spielen. Egal, wie es Xherdan Shaqiri im Club jeweils ging – wechselte er ins Nationalmannschaftsdress, trat er wie verwandelt auf. Er war oft der Spieler, der für das Geniale zuständig war und den Unterschied ausmachte. Shaqiri hat in 93 Spielen 48 Skorerpunkte erzielt. Zum Vergleich: Bei Granit Xhaka waren es 21 Skorerpunkte in 96 Partien. Die Statistik bestätigt also, was jeder weiss, der die Nationalmannschaft in den vergangenen zehn Jahren sah: Shaqiri ist der wichtigste Spieler im Schweizer Team. Gegen Wales und Italien war von seiner Spielfreude aber nichts mehr zu sehen. Und prompt blieben die Schweizer beim Angreifen blass und ideenlos.
  • Seferovic muss Bälle bekommen und zwar im Zentrum. Wenn einer im Club in der aktuellen Saison 26 Tore schiesst, im Nationalteam aber so gefährlich ist wie ein zahnloser Tiger, dann muss das nicht nur an ihm liegen. Fakt ist, dass Seferovic kaum einen gescheiten Ball ins Zentrum gespielt bekam. Was scharfe, verwertbare Flanken anbelangte, herrschte bei den Schweizern absolute Flaute. Kein Wunder, war auch Gavranovic gegen Italien nach seiner Einwechslung kein bisschen besser. Vermutlich hätte sogar Robert Lewandowski seine Probleme, im Schweizer Team zu Toren zu kommen – so selten, wie das Zentrum vorne angespielt wird.
  • Widmer muss flanken, flanken, flanken. Silvan Widmer überzeugte bei seinen Einsätzen im Schweizer Nationalteam meist. Seine starke Leistung gegen Deutschland mit seinem Tor ist noch in bester Erinnerung. Er ist der beste Flankengeber der Schweizer Aussenspieler. Er ist kopfballstark. Kurz: Es ist absolut richtig, dass er nun an dieser EM die Chance bekommt, von Anfang an zu spielen. In den 90 Minuten muss er flanken, flanken, flanken. Dasselbe gilt für Steven Zuber.
  • Petkovic muss reagieren. Wenn es nicht läuft, muss Nationaltrainer Vladimir Petkovic reagieren, Mut zeigen, vielleicht schon zur Pause eine offensivere Aufstellung aufs Feld schicken.

Bis die Luft endgültig raus ist: Wie der Fussball kaputt gemacht wird

Sie lernen einfach nichts. Die Totengräber des Fussballs. Dieses Mal sind es Gianni Infantino und die Konsorten der Fifa. Die Fussball-WM soll künftig alle zwei Jahre durchgeführt werden, nicht bloss mehr jedes vierte Jahr. So der Antrag von Saudi-Arabien, seit jeher Fussballgrossmacht. Deshalb will die Fifa eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben.

Klar, dass dort als Ergebnis herauskommt: So etwas ist möglich. Die Begründung nahm Infantino übrigens bereits vorneweg: Es gehe darum, liess er verlauten, Nationalmannschaften «öfter die Chance auf den Titel zu ermöglichen». Was für eine lächerliche Begründung. Es geht einzig und alleine darum, dass Infantino der Fifa und damit auch sich selber öfter die Chance ermöglicht, noch mehr Tasche in die Geld zu stecken.

Die Totengräber des Fussballs. Sie bekommen den Hals einfach nicht voll. Obwohl die Verdichtung des Fussballs den Fans zum Halse heraushängt. Bald spielt … ähm … wer schon wieder im Final der völlig aufgeblähten Champions League? Ich habe in meinem Fussballerkollegen-Kreis herumgefragt: Über die Hälfte weiss es nicht, und der Rest interessiert sich ebenfalls nicht dafür.

Noch dramatischer fällt die Umfrage aus, wenn es darum geht, den letzten Sieger der Klub-WM zu nennen. Am häufigsten zu hören: «Klub-WM? Nie gehört.» Dabei war es der FC Bayern München, der diesen grossartigen Titel, den niemand braucht, gewonnen hat. Gegen UANL Tigres… UANL who? Austragungsort der Klub-WM: Katar. Na grossartig.

Was die Fans von den grossspurigen Plänen der Entscheidungsträger halten, mit immer neuen Wettbewerben und irrwitzigen Austragungsmodi 365 Tage im Jahr 24 Stunden lang Fussball zu generieren, war letzthin zu sehen, als die Idee einer Super League mit einem exklusiven Zirkel an Vereinen wegen der Proteste krachend scheiterte. Doch die Totengräber machen immer weiter.

Die Fussball-WM ist (noch) etwas Besonderes. Was auch mit ihrer Verknappung zu tun hat. Deshalb will jeder Fussballprofi teilnehmen, will jeder Fussballfan sie sehen. Findet sie jedes zweite Jahr statt, verliert sie ihre Magie. Überhaupt: Wie soll das gehen mit all den Qualifikationsspielen? Alle vier Jahre steht zudem eine EM, der Africa Cup, die Copa America auf dem Programm, ebenfalls mit umfangreichem Qualifikationsprozedere. Vermutlich läuft es darauf hinaus, dass die erfolgreichsten Länder bei der WM von vornherein qualifiziert sind. Dann kann es auch nicht mehr passieren, dass ein Big Player scheitert – so wie 2018 Italien und Holland. Sollen sich die Kleinen wie Luxemburg, Liechtenstein oder Andorra durch die Qualifikation mühen. Interessiert Infantino ohnehin nicht, genau so wenig wie die Meinung der Fussballfans. 


Tragt Sorge zum Fussball

Was für eine Blamage! Keine 48 Stunden, nachdem die Pläne der sogenannten Super League bekannt gegeben wurden, ist sie bereits wieder gestorben. Dieser Wettbewerb, den niemand ausser ein paar geldgierigen Funktionären ohne Fussballherz will, ist ein Rohrkrepierer – und wird nie auf die Füsse kommen.

Statt nur Dollarzeichen in den Augen zu sehen, hätten die Initianten sich lieber bei den Fussballfans umgehört oder ein bisschen auf gesunden Menschenverstand gesetzt: Schnell wäre klar geworden, dass es im Fussball nicht Platz für alles hat und es längst eine Übersättigung gibt. An erster Stelle kommt überall die nationale Meisterschaft, auch der Cup ist – ausser vielleicht in Italien – von Bedeutung. Die Termine der Nationalmannschaft sind ebenfalls wichtig, wobei man mit den aufgeblähten Europameisterschaften und Weltmeisterschaften auch auf gefährlichem Kurs ist. Aber immerhin sind diese zwei grossen Meisterschaften verknappt und finden nur alle vier Jahre statt – genug Zeit, um sich darauf zu freuen.

Dazwischen hat es noch Platz für den Europacup, aber nicht für eine aufgeblasene Meisterschaft in einem geschlossenen Zirkel. Ich kenne viele Fussball-Aficionados, die sich längst von der Champions League abgewendet haben. Viel zu viele Spiele mit den immer gleichen Gesichtern. Man kann sich nur wundern: Wie weltfremd muss man sein, einen solchen Wettbewerb zu lancieren. Schon die Klub-WM interessiert niemanden – und falls sich doch jemand findet, bitte melden!

Fazit: Tragt Sorge zum Fussball!

Teil 6 der FCB-Analyse – wie weiter mit oder ohne Bernhard Burgener?

Basel ist in Aufruhr. Der FCB befindet sich im freien Fall, sportlich und atmosphärisch sicher, ob auch wirtschaftlich, weiss man nicht so genau. Zwar wurden die finanziellen Reserven verbrannt, doch dann kam Corona, was eine genaue Bewertung schwierig macht. Beim FCB geht es ja nicht bloss um den Unterhalt des Spielerkaders, sondern da stehen 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Lohnliste, die froh sind, wenn sie trotz einem ganzen Jahr ohne Zuschauereinnahmen ihren Lohn pünktlich bezahlt bekommen. Bis jetzt war das immer der Fall – was nicht vergessen gehen darf bei den ganzen Diskussionen um die Besitzerschaft.

Der Alleinschuldige für die Unruhen um den Verein aber steht in der öffentlichen Meinung fest: Bernhard Burgener. Sogar Stararchitekt Jacques Herzog zeigt mit dem Finger auf den Inhaber und VR-Präsidenten. Im BaZ-Interview erklärt Herzog, dass er nichts persönlich gegen Bernhard Burgener habe, «aber er hat diesen Niedergang zu verantworten. Nur er.» Starker Tobak.

Blicken wir zurück. Bernhard Burgeners Konzept des «Basler Wegs» wurde vor vier Jahren unter anderem von einem Vereinsgremium mit Jacques Herzog (!) gutgeheissen. Damit war der Weg für Burgener frei, um in sehr grosse Fussstapfen zu treten: Vorgänger Bernhard Heusler hinterliess mit acht Meistertiteln in Serie ein Vermächtnis, das in der Geschichte von Rotblau wohl auf ewig einzigartig bleiben wird. Burgener traute sich die Aufgabe aber zu, und er hatte auch guten Grund dazu: Nicht bei allen, aber doch bei den meisten seiner Unternehmungen – von Film und Champions League über Marmor bis zu den Wiener Philharmonikern sowie den Euro Song Contest – wirtschaftete er bis zur Coronakrise erfolgreich. Bei ihnen kann er im Hintergrund agieren. Und die Dinge in Ruhe so justieren, dass sie früher oder später wie gewünscht einträglich sind.

Burgener ist auch erfahren, was Rechtshändel und Auseinandersetzungen in Unternehmungen anbelangt, und beweist dabei einen langen Atem. Den Zwist um die Constantin Medien mit Dieter Hahn, dem ehemaligen Geschäftsführer der Kirch-Gruppe, entschied er nach langen Grabenkämpfen für sich. Kommunikativ beraten wurde er in dieser Sache übrigens von Ex-Fifa-Medienchef Walter de Gregorio; was den FCB anbelangt, hat er aber kein offizielles Mandat. Wirklich in den Fokus geriet Burgener bei den Auseinandersetzungen um das Filmunternehmen nicht; emotional berührt solch ein Machtkampf vor allem die beteiligten Parteien, aber nicht die breite Öffentlichkeit.

Das ist bei einem Fussballclub anders, erst recht bei einem Fussballclub, der so tief in den Herzen einer ganzen Stadtbevölkerung verwurzelt ist wie der FC Basel. Hier können die Entscheidungsträger nicht aus dem Hintergrund und erst recht nicht so nebenbei agieren. Besonders schön zu sehen war das bei Bernhard Heusler. Anfänglich der Vizepräsident und die Nummer 2 hinter Gigi Oeri, übernahm er schliesslich das Präsidentenamt. Zuerst hiess es, dass er daneben weiterhin als Anwalt tätig sein wolle. Schnell wurde aber klar, dass dieser FCB von der Spitze aus nur als Full-Time-Job zu führen ist. Wenn man schaut, was Burgener alles am Hut hat, muss die Frage berechtigt sein, ob das funktionieren kann. Vor allem weil ein Fussballclub viel mehr vom Tagesgeschäft abhängig ist: Hier fliegen den Verantwortlichen die Resultate sofort um die Ohren, wenn sie ausbleiben. Beim FCB bleiben sie seit geraumer Zeit allzu oft aus. Rotblau aus dieser Krise schnellstmöglich herauszuführen, ist ein 150-Prozent-Job, bei dem man öfter vor die Kamera treten muss, als einer Person, die sonst eher im Hintergrund bleiben will, lieb sein kann.

Wenn Bernhard Burgener wenigstens die richtigen Leute zur Seite stehen würden! Er begründet die Erfolge seiner Unternehmen ja damit, dass er seit Jahrzehnten die geeignetsten und fähigsten Leute an den entscheidenden Positionen platziert habe; er selber ist dort der Puppenspieler, der an den Fäden mit dem richtigen Gespür zupft. Es mag hier und dort Abgänge gegeben haben – wie in jedem Konzern –, aber unter dem Strich verstand und versteht es Burgener, seine Crew so zusammenzustellen, dass die Unternehmen funktionieren. 

Nicht so beim FC Basel. Hier hat ihn seine Intuition verlassen. Den Rookie Marco Streller sofort zum Sportchef zu machen, war einer von mehreren Fehlern. Burgener hätte daraus lernen und einen erfahrenen Ersatz mit Perspektive holen müssen. Stattdessen setzte er Ruedi Zbinden auf diesen Posten. Zbinden ist zwar erfahren, fühlt sich aber auf der Talentsuche irgendwo zwischen Amazonas und Nil viel wohler als am Bürotisch im Turm hinter dem Joggeli. Und nun, seit Zbinden genau das wieder tut, was er am besten kann, gibt es gar keinen Sportchef mehr beim FCB. Dafür offenbar umso mehr schlechte Berater.

Anders ist es nicht zu erklären, dass sich Burgener für Ciriaco Sforza entschieden hat. Das darf man nach einem halben Jahr getrost so sagen. Sforza war ein grosser Spieler, vermutlich wäre er damals sogar als Spielertrainer erfolgreich gewesen, weil er auf dem Rasen ebenso charismatisch wie dominant auftrat und er als beteiligter Akteur direkt Einfluss auf das Geschehen hätte nehmen können. Das kann er von der Seitenlinie aus nicht. Plötzlich soll er sich hier auch noch vertieft um die Kaderplanung kümmern – statt sich auf seine Kernaufgabe, den Trainerjob, zu konzentrieren. Mittlerweile befindet er sich mit seiner Mannschaft in einem Abwärtsstrudel, aus dem es für ihn fast kein Entrinnen mehr gibt. Die Resultate sind mies, die Stimmung bei den Spielern schlecht, und immer wieder tun sich neue Brandherde auf – eben erst wurde Edon Zhegrova bei einem Abstecher nach Pristina erwischt und dafür getadelt. Solche Probleme gibts auch bei anderen Vereinen; bei einem Club, wo es unruhig ist, wirken jedoch jeder Zwist und jede Unstimmigkeit als zusätzliche Brandbeschleuniger.

Der Baum beim FCB brennt. Und nun soll ihn ausgerechnet David Degen löschen? Wer den Lampenberger, der früher beim FCB für soviel Lämpe besorgt war, als Heilsbringer sieht, soll doch bitte den jüngsten Artikel von Christian Mensch in der bzbasel lesen; David Degen und sein Bruder Philipp hätten sich 2019 darum bemüht, bei GC einzusteigen, weil sie aus dem Club «eine Spielerplattform für Klienten ihrer Agentur» machen wollten. Und ausgerechnet dieser David Degen soll nun beim FCB wieder für Vertrauen sorgen? Bereits hat Degen selber via Instagram den Bericht dementiert: «So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört.». Wie auch immer: Man fragt sich, wie Degen kurzfristig nicht nur 16 Millionen Franken aufbringen will, um von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen, sondern wie er das Geld für weitere Investitionen – die Rede ist von 50, 60 Millionen Franken – zusammenzubringen gedenkt, um den FCB auch längerfristig über die Runden zu bringen. Und: Hat David Degen überhaupt die Fähigkeiten und Kenntnisse, um ein Unternehmen mit 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu führen? Zweifel sind angesagt.

Ist das ein Plädoyer für Bernhard Burgener? Nein, zumindest nicht für jenen Bernhard Burgener, der solch sonderbare Entscheide wie in den letzten vier Jahren trifft oder mit seltsamen Ideen schwanger geht. Damit sind nicht die Ausflüge in den E-Sports (macht David Degen übrigens auch) oder nach Indien (es muss einem Unternehmer mit Visionen erlaubt sein, Dinge auszuprobieren) gemeint, sondern die ziemlich verunglückten Feierlichkeiten zum Vereinsjubiläum, die abstrusen Visionen einer Stadionverkleinerung und vor allem die glücklose Besetzung von Schlüsselpositionen im Verein.

Ich glaube weiterhin nicht, dass der FCB für Burgener nur ein reines Investmentprojekt war und ist. Dafür hätte er sich nicht einen Fussballclub aussuchen müssen. Er glaubte ans «Für immer Rotblau», doch er hat die Aufgabe mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit unterschätzt und sich nie vorstellen können, dass die Dinge so aus dem Ruder laufen. Sich zurückzuziehen kommt für ihn nicht in Frage. Er besitzt wie gesagt einen langen Atem – und sieht sich, wie im Fussball-Podcast «Die dritte Halbzeit» richtig erwähnt wurde, weiterhin als Teil der Lösung für einen erfolgreichen FC Basel. Gegenwind wie die Fanproteste werden ihn nicht umstimmen, zumal die Anhängerschaft auch nicht kohärent ist: Die Bewegung «Yystoo für e FCB» erlitt an der schriftlichen GV eine krachende Niederlage, als kein Einziger ihrer Kandidaten gewählt wurde. Die Muttenzerkurve wiederum agiert mehrheitlich anonym; das ist auch deshalb schade, weil ihre Aktionen oft kreativ und witzig sind.

Doch was tun?

  • Bernhard Burgener macht weiter und zwar langfristig (mit glaubwürdigen Investoren, keinen verschachtelten Briefkastenfirmen), holt aber baldmöglichst einen fähigen Sportchef und entlastet damit sich und die wichtigsten Mitarbeiter. Der neue starke Mann hat den Auftrag, auf die nächste Saison hin einen guten Trainer zu finden. Sforza wird ins Betreuerteam des Nachwuchses integriert – und somit dort eingesetzt, wo er seine Stärken am besten ausspielen kann. Pendeln sich die Resultate wieder ein, werden die Proteste todsicher leiser.
  • Oder Bernhard Burgener gibt das Präsidentenamt geordnet ab. An einen seriösen, entscheidungsstarken Mäzen oder Mäzenin (wie damals Gigi Oeri), der oder die genug Zeit und das Vermögen hat, Geld à fonds perdu einzuschiessen, bis der Karren mit den richtigen Personen auf den richtigen Positionen wieder läuft. Das muss zwingend jemand aus der Region sein. Aber ganz ehrlich: Viele kommen dafür nicht in Frage.
  • Oder Bernhard Burgener bleibt vorerst am Ruder, stellt aber mittelfristig einen geordneten Übergang an glaubwürdige, fähige Personen (à la René C. Jäggi oder Bernhard Heusler) in Aussicht, die selber keine Mäzene sind, aber den FCB kraft ihrer Management-Erfahrung so geschickt aufstellen, dass dieser wieder Erfolg hat. Aber auch hier gilt: Ohne das nötige Kleingeld und Investoren geht es nicht. Ein Name gefällig? Thomas Straumann hat mit dem CSI Basel gezeigt, wie man etwas Grosses von null auf aufbauen kann. Er hat das «Les Trois Rois» wiederbelebt. Warum nicht auch den FCB? Er selber hat das allerdings in einem Interview mal abgelehnt: Er könne nicht alles machen.
  • Oder David Degen übernimmt und straft alle Skeptiker Lügen. Er macht das besser, was Burgener falsch gemacht hat. Anschauungsmaterial wurde ihm in den vergangenen vier Jahren geliefert. Er schafft es, sich von allen Verbindungen mit Spielerberatern aus seinem engsten Umfeld zu befreien. Aber: Ist bei einem Einstieg von David Degen garantiert, dass alles besser wird? Zweifel sind angesagt.
  • Oder Yystoo und andere Anhänger, deren Herz rotblau gefärbt ist, lassen Worten Taten folgen. Demonstrieren reicht nicht. Auf der Homepage von Yystoo heisst es: «Wir bestärken David Degen ausdrücklich darin, seine Option wahrzunehmen und sichern ihm hinsichtlich der Übernahme und beim Wiederaufbau unsere Unterstützung zu.» Wie könnte diese Unterstützung aussehen? Yystoo hilft bei der Suche von zahlungskräftigen Gönnern, die ihrerseits Taten folgen lassen – sprich tief in die Tasche greifen im Wissen darum, dass das Geld auch flöten gehen könnte. Mit ein paar Milliönchen ist es nicht gemacht, es muss bei einem Tanker wie dem FCB richtig viel Geld zur Verfügung stehen. Die Fans verabschieden sich gleichzeitig von der romantischen Idee, dass sich der FCB längerfristig ohne Investoren finanzieren lässt. Ein Name gefällig, wenn es um den erwähnten Wiederaufbau geht? Eva Herzog ist ebenfalls Unterzeichnerin der Yystoo-Bewegung. Sie könnte als tatkräftige Managerin mitwirken... okay, vielleicht eine verwegene Idee. Aber hat sie nicht bewiesen, dass sie das Potenzial einer Region finanziell so gut auszuschöpfen vermag, dass die Rechnung am Ende mehr als aufgeht? Warum setzt sie ihre Fähigkeiten nicht auch beim FCB ein? Den Polit-Job müsste sie natürlich aufgeben, dafür wäre ihr grosse Unterstützung – und im Erfolgsfall – noch mehr Ansehen gewiss. Aber: Diese Variante einer Lösung ist doch sehr, sehr unwahrscheinlich. Ich würde sagen: Sie liegt bei 0,001 Prozent.

Zum Abschluss noch eine kleine Zugabe: Im Auszug aus dem Geschäftsbericht von 2017 ist nachfolgend in fetter Schrift nochmals nachzulesen, was Bernhard Burgener mit seinem Konzept «Für immer Rotblau» anpeilte – der kursive Kommentar in der Klammer zeigt auf, wieweit sich diese Punkte erfüllt haben:  

«Das neue Konzept beinhaltet unter anderem

-       ein klares Bekenntnis zur Region Basel (Ist bis jetzt – Stand heute am 13. März – der Fall; noch sind keine ausländischen Investoren eingestiegen.)

-       Wiedererkennungswerte (Ein diffuser Punkt, die ständigen Querelen sind als Wiedererkennungsmerkmale wohl kaum gemeint.)

-       und eine möglichst grosse Identifikation mit Rotblau (Die Identifikation hat mit den abnehmenden Erfolgen bei gleichzeitig gestiegener Unruhe im Verein abgenommen, auch bei den Kleinsten: «Zugpferd FCB zieht bei den Kids nicht mehr» glaubt die bz Basel erkannt zu haben und zitiert den Nordstern-Präsidenten, dass weniger Junioren das FCB-Trikot tragen würden. Als Sonnenkönig Bernhard Heusler den FCB 2017 übergab, war die Identifikation ähnlich gross wie in den goldenen Sechziger Jahren. Jedenfalls vermittelte der Verein den Eindruck, dass alle am selben Strang ziehen, vom Platzwart über den administrativen Mitarbeiter bis zum Mittelstürmer. Man war stolz, beim FCB zu arbeiten.)

-       die Absicht, wieder vermehrt Spieler aus dem Basler Nachwuchs ins Kader der 1. Mannschaft zu integrieren, aber auch weiterhin internationale Talente nach Basel zu holen. (Beide Ziele wurden erfüllt.)

Dies alles unter dem Credo, dass

-       die sportliche Qualität keineswegs darunter leiden soll. (Nicht erfüllt. Die Qualität hat sehr gelitten.)

-       die ambitionierten Ziele der vergangenen Jahre sollen also unbedingt beibehalten werden (Ist tatsächlich der Fall; es wird vom Meistertitel schwadroniert, obwohl man in den Vorjahren absolut chancenlos war.)

-      die Fans des FCB in meinen Überlegungen einen wichtigen Teil einnehmen. (Die Fans sehen das anders.)

-       genauso wie eine attraktive Spielkultur (Zwischendurch erkennbar, vor allem in der Champions und Europa League. Mittlerweile aber schon lange nicht mehr. Derzeit spielt der FCB keinen attraktiven, sondern einen unansehnlichen Fussball – was vielleicht noch erträglich wäre, wenn die Resultate stimmen würden. Tun sie aber nicht.)

-       wirtschaftliche Unabhängigkeit (Bis jetzt ja, aber wie lange noch?)

-       ökonomisch erfolgreiches Schaffen.» (Für einen Aussenstehenden schwierig zu beurteilen, nicht zuletzt wegen Corona. Es braucht ja mittlerweile fast einen HSG-Abschluss in Betriebswirtschaft, damit man die wirtschaftlichen Verquickungen von Rotblau einordnen kann. Klar ist: Die stolzen Reserven aus der Ära Heusler/Heitz sind weggeschmolzen. Es gab zwischendurch grosse Verluste. Nun scheint sich die Lage stabilisiert zu haben. Aber wie lange? Und wie nachhaltig?)

Damit Schluss für heute. To be continued.

Tipp 5: Retouchen am Kader sind nötig!

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Dafür muss man aber zuerst benennen, wo die Probleme liegen und wo nicht. Das wollen wir hier tun – mit der nächsten Folge der grossen FCB-Analyse.

5.     Das Kader, die Spieler 

 «Es gibt nichts dazwischen, du bist entweder gut oder schlecht», sagte einst Gary Lineker, Erfinder zahlreicher kreativer Fussballerweisheiten, «wir waren heute so mittel.» Die Spieler des FCB waren in dieser Saison einige Male mittel, manchmal auch richtig schlecht und kaum einmal gut. Alleine verantwortlich sind sie dafür nicht, auch wenn sie auf dem Platz stehen und nicht der Trainer, der Präsident oder das Sportchef-Gremium. Es lief von Anfang an nicht optimal, und irgendwann geriet die Mannschaft in einen Abwärtsstrudel, in den jeder mit hineingerissen wurde. Ausser Goalie Heinz Lindner und vielleicht noch Afimico Pululu hat kein einziger Akteur im rotblauen Dress seine normale Leistung abrufen können. Es handelt sich um ein Kollektivversagen auf dem Rasen, für das aber der einzelne Spieler nicht verantwortlich gemacht werden kann. Er selber spielt ja nicht absichtlich schwach, sondern etwas verunmöglicht es ihm zu zeigen, was er draufhat. Das kann viele Ursachen haben, die aufeinander einwirken und sich so kumulieren, dass jeder Spieler von der Negativspirale mitgerissen wird. Und das macht es schwierig für die Verantwortlichen: An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit es wieder läuft? Noch schwieriger wird es, wenn sie selber der Hauptgrund sind…

Der FC Basel hat ein Team, das fähig sein müsste, bessere Leistungen abzurufen. Er hat hoffnungsvolle Junge und erfahrene, verdienstvolle Routiniers, die mehr draufhaben, als sie dieses Jahr zeigen. Beispiel Valentin Stocker. Letzte Saison hat er wettbewerbsübergreifend 27 Skorerpunkte erzielt, ein Spitzenwert. Er hat oft den Unterschied ausgemacht. Diese Saison hat er genauso Mühe wie seine Mitstreiter, am augenfälligsten und treffsichersten ist der Captain am Mikrofon. Nun wurde er für eine Woche in die Ferien geschickt. Was das für nächste Saison bedeutet, wird zu sehen sein. Über die letzten Jahre hinweg war er einer der Leistungsträger beim FCB, sein Verlust wiegt schwer.

Oder Fabian Frei: Letzte Saison noch für 30 Tore und Vorlagen verantwortlich, sind es in der laufenden Spielzeit mickrige zwei Pünktchen –und das in 24 Spielen! Es kann mir niemand sagen, dass dieser Leistungsabfall von Stocker und Frei innert so kurzer Zeit mit ihrem fortgeschrittenen Alter zu tun hat, wie immer wieder zu hören ist. Edon Zhegrova war unter Marcel Koller am Ball zeitweise überragend, unter Ciriaco Sforza ist er überragend schlecht. Auch Eray Cömert ist klar schwächer als im Vorjahr. Silvan Widmer hat sich unter Sforzas Vorgänger fix in die Nationalmannschaft gespielt und dort gegen Deutschland gross aufgetrumpft. Diese Saison ist er dem FCB keine Hilfe, nun hat er auch noch Verletzungspech.

Und so weiter. Das muss zu denken geben. Im Hinblick auf nächste Saison sind Retouchen nötig. Verabschieden muss sich der FCB von Aldo Kalulu (nicht Super-League-würdig), Ricky van Wolfswinkel (nach seiner Verletzung nicht mehr der Alte), Andrea Padula (siehe Kalulu), Amir Abrashi (total unnötige Ausleihe), Jasper van der Werff (soll sich anderswo an die Super League herantasten), Jorge (kann dem FCB nach seiner schweren Verletzung kaum helfen). Wackelkandidaten sind Raoul Petretta (stagnierte zuletzt), Luca Zuffi (in den ersten Spielen seit dem Comeback sehr, sehr unauffällig) und Albian Hajdari (das reicht ebenfalls noch nicht für die Super League). Sie sollen die verbleibende Spielzeit dazu nützen, einen Verbleib beim FCB zu rechtfertigen. Timm Klose würde ich behalten: Er ist eine Identifikationsfigur. Er kommt in den Bewertungen zu oft schlecht weg. Zwei, drei Mal war zwar auch er richtig schlecht. Es ist aber davon auszugehen, dass er wieder besser aussieht, wenn das Defensivverhalten der ganzen Mannschaft wie gewünscht funktioniert. Darian Males hat bis jetzt erst zwei Teileinsätze bestritten; eine Bewertung wäre noch zu früh, auch wenn sein Startelf-Einsatz gegen St. Gallen nicht gerade erbaulich war. Am ehesten weggekauft werden in nächster Zeit wohl Eray Cömert und Silvan Widmer – ansonsten ist da niemand im Kader, der sich nach diesen miserablen Darbietungen auf den Notizzetteln der Scouts zwingend aufdrängt.

Es ist also damit zu rechnen, dass das Kader nächste Saison ziemlich anders aussehen wird. Das Leistungsprinzip und die Perspektive müssen bei den Transfers über allem stehen, die Young Boys machen es vor. Vor allem auf den Aussenpositionen muss etwas gehen. Aber auch vorne im Sturm; es darf nicht alles von Arthur Cabral abhängen. Für seine Leistungen ist es ohnehin besser, wenn er sich gegenüber einem Konkurrenten beweisen muss – so wie in der letzten Saison, als Kemal Ademi Druck machte.

Tipp 4 zum Mittwoch: Ein Sportchef muss her!

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, zumindest ist es einen Versuch wert – mit einem täglichen Tipp. 

4.     Der Sportchef 

Der FCB braucht einen Sportchef – und muss den Namen des Verantwortlichen klar und sauber kommunizieren. Derzeit soll ja ein Gremium für diesen Posten verantwortlich zeichnen. Nebst Inhaber Bernhard Burgener selber wirken auch Roland Heri (CEO), Alexander Staehelin (Leiter Strategie und Entwicklung), Ruedi Zbinden (Chefscout), Philipp Kaufmann (Sportkoordinator), Percy van Lierop (Nachwuchschef) sowie Ciriaco Sforza (Coach) mit. In Medienberichten ist auch noch von externen Beratern die Rede, die im ganzen Entscheidungsprozess mitmischen sollen. Das sind viele Köche, die da im Brei herumrühren, und genau so wenig kohärent kommen denn auch die Transfers daher, die der FCB in dieser Saison tätigte. 

Man kann erfolgreich sein ohne Sportchef, der FCB hat dies bewiesen, als Christian Gross Trainer war. Gross duldete niemanden neben sich, sondern füllte das Machtzentrum beim FCB alleine aus; erst als er gehen musste, war der Weg für Georg Heitz als Sportchef frei. Ciriaco Sforza aber ist nicht Christian Gross – und was man über seine Zeit bei den Grasshoppers so hört, soll es ihn überfordert haben, dass er auch noch bei den Transfers mitwirken musste. Man tut ihm also keinen Gefallen, wenn man das auch beim FCB von ihm verlangt. Viel mehr gedient wäre ihm, wenn er einen guten Sportchef zur Seite hätte. Einer, der nach aussen diskret wirkt und sich nicht jedes Mal vors Mikrofon stellen muss, der nach innen aber über ein hohes Mass an Glaubwürdigkeit und Sozialkompetenz verfügt. Georg Heitz war beim FCB rund um die Uhr erreichbar und für alle Spieler und jedes Problem da. Als Serey Die wegen eines Streites mit Paulo Sousa die Kabine verlassen sollte, sich aber weigerte, war es Georg Heitz, der gerufen wurde. «Jetzt gehe ich», sagte Serey Die zu Sousa und zeigte auf Heitz, «weil vor ihm habe ich Respekt, vor dir hingegen nicht.»  Heitz, mit dem ich zuvor vier Jahre lang bei der BaZ zusammen gearbeitet hatte, war von der Arbeitswut her ein Wahnsinniger, der unglaublich viel – auch Probleme – wegschaufelte, so aber auch jederzeit alle Fäden in der Hand hielt.  

Die Aufgaben eines Sportchefs sind denn auch äusserst umfangreich, sie gehen weit über jene eines Troubleshooters hinaus. Der Sportchef ist für den Spielerkauf und -verkauf zuständig, aber auch für die Führung Trainerstaff, Scoutingabteilung und Medical-Team, die Koordination 1. Mannschaft/Nachwuchs, das Vertragsmanagement (Wann mit wem zu welchen Konditionen verlängern?), die Pflege Netzwerk zu Agenten und Clubs sowie den Kontakt zu Verbänden und Nationaltrainern. Das ist ein Fulltime-Job, der schnell einmal zu einem Burnout führen kann, wie sowohl Alex Frei als auch Marco Streller erfahren mussten. 

Wenn Bernhard Burgener also richtig investieren will, dann sollte er es als Nächstes nicht in einen Spieler, sondern in einen guten Sportchef tun. Sonst könnte es im schlimmsten Fall so kommen wie beim FC Zürich. In der Euphorie des Cupsiegs sagte dessen Präsident Ancillo Canepa 2014, dass man keinen Sportchef mehr benötige, «es läuft ja gut». Zwei Jahre später stieg der FC Zürich ab.

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, zumindest versuchen wir es. Mit einem täglichen Tipp. 

3. Die «Fans» 

Die Stimmung rund um den FC Basel ist mies. Nicht auszudenken, was im Joggeli losgewesen wäre, wenn die schwachen Darbietungen, vor allem jene gegen Winterthur, vor vollen Rängen stattgefunden hätten. Eine Ahnung hat man allerdings am Mittwoch nach der Pleite gegen Winterthur erhalten, als ein Mob aus rotblauen Anhängern den Spielern vor dem Stadion auflauerte. Vergleichbare Szenen kennt man aus deutschen Stadien, wo sich die Spieler der Verlierermannschaft wie Schulbuben vor die Kurven stellen müssen, um sich die üblen Beschimpfungen ihrer «Fans» abzuholen. (Ich habe schon mal darüber geschrieben, was ich davon halte: www.awsmedien.ch/blog/warum-steht-ihr-hin-und-hört-euch-das-an)  Kritik ist gut, die Meinungen sind frei, aber alles hat seine Grenzen. Ein gewisses Mass an Anstand muss gewahrt bleiben. Gegenüber den Spielern, denen dieses Resultat selbst am Peinlichsten war. Aber auch gegenüber der Führungsspitze.

VR-Präsident und Besitzer Bernhard Burgener muss sich zeitweilig wie ein Schwerverbrecher fühlen – angeklagt von anonymen Pöblern, die ihren Unmut mit «Hau ab!»-Plakaten kundtun und sich nicht davor scheuen, im Netz Drohungen gegen ihn auszustossen. Nur zur Erinnerung: Für den grössten Tiefpunkt in der Clubgeschichte des FCB – gemeint ist die Schande von Basel 2006 – waren immer noch die eigenen Fans verantwortlich, die sich ach so sehr um das Wohl ihres Vereins sorgen. In peinlicher Erinnerung auch, wie Trainer Urs Fischer 2015 in Basel von den rotblauen Anhängern bei seiner Ankunft empfangen wurde: «Fischer, nie eine vo uns!!», stand auf einem grossen Banner. Eine krasse Fehleinschätzung, die auch von mangelndem Sachverstand zeugt. Heute wären viele FCB-Anhänger froh, Urs Fischer wäre immer noch einer von uns.

Man mag mit guten Grund mit Burgeners Clubpolitik nicht einverstanden sein (darüber wird in einem der nächsten Beiträge zu reden sein), man mag fordern, dass er sich vom Acker macht – aber dann muss man auch bereit sein, eine mehrheitsfähige Lösung zu präsentieren. Ich habe bis jetzt noch von niemandem eine gehört. Ist es besser, wenn am Ende ein chinesischer Investor übernimmt und den «Ef Si Bi» jahrelang bloss via Zoom begleitet? 

Ein gepflegter anständiger Umgang und auch ein wenig mehr Demut bei allen Beteiligten tun dringend not. Besonders in diesen schweren Zeiten. Denn bei vielen Fussballclubs geht es gerade ans Eingemachte.

Vorschlag 2 zum Sonntag: Augenmerk auf die Physis

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, mit einem täglichen Tipp.

2.     Die Abteilung Athletik und Leistungsdiagnostik

Die Abteilung Athletik und Leistungsdiagnostik sowie die medizinische Abteilung stehen derzeit mehr im Fokus als auch schon. Vor dem Spiel gegen Lausanne vermeldete der FCB 13 verletzte Spieler – wobei FCB-Präsident Bernhard Burgener im Fernsehinterview eilends betonte, dass «nur zwei davon an muskulären Problemen» litten. Gegen die Waadtländer mussten während der Partie nochmals zwei Spieler – Hajdari und Kalulu – verletzungsbedingt oder wegen muskulärer Probleme ausgewechselt werden, sodass nun die Hälfte (!) des Kaders am Stock geht. Und Goalie Heinz Lindner griff sich am Ende ebenfalls ans Bein (siehe Foto). In diesem Bereich stimmt also definitiv etwas nicht. Was, gilt es von Seiten der Entscheidungsträger schonungslos zu analysieren.

Okay, die Vorbereitung der jetzigen Spielzeit war wegen Covid arg verkürzt. Sforza hatte kaum Zeit, hier Einfluss zu nehmen. Bis zu Weihnachten wiederholte sich ein Muster: Der FCB brach regelmässig nach der Halbzeit ein. Zwischen Weihnachten und Wiederaufnahme des Spielbetriebs hatte der FCB fünf Wochen Pause und damit Zeit, an der Kondition und der Physis zu arbeiten – mit einem neuen Leiter Athletik und Leistungsdiagnostik. Nacho Torreno ging (oder musste gehen), Luis Suarez übernahm; zudem haben gemäss FCB-Kommunikationsdirektor Nicolas Unternehmer und Petra Platteau neu die Co-Leitung der Physio-Abteilung inne. Der Umschwung konnte seitdem noch nicht eingeleitet werden. Woran es liegt, ist für Aussenstehende schwierig zu beurteilen. Augenfällig ist allerdings, dass es den Spielern an Spritzigkeit fehlt. Von körperlicher Dominanz – hier hatte der FCB gegenüber seinen Gegnern in der Vergangenheit oft ein Plus – ist nichts zu sehen. Im Gegenteil.

Und nun kommt noch eine Verletzungsmisere hinzu, die nach ihresgleichen sucht. Weil fürs nächste Spiel gegen St. Gallen auch noch Eray Cömert und Fabian Frei gesperrt sind, muss man sich fragen, ob Sforza überhaupt noch genügend Spieler auf den Rasen zu schicken vermag. Geschickte Transfers hätten in der Winterpause möglicherweise für etwas Entlastung sorgen können. Stattdessen wurde ein Amir Abrashi verpflichtet, der beim SC Freiburg zuvor in 18 Spielen gerade mal 58 Minuten auf dem Feld gestanden und sonst nur auf der Bank gesessen hatte; da darf man sich schon die Frage stellen, ob er für den FCB genügend Spielrhythmus aufweist, um ihm sogleich zu helfen. Wie auch immer – kaum beim FCB ein erstes Mal im Einsatz, verletzte er sich.

Klar, der FCB hat kein Glück, und dann kommt auch noch Pech hinzu. Aber wenn sich die unglücklichen Fälle derart häufen, wird irgendwann ein Muster daraus, das sich nicht nur dem mangelnden Glück zuschreiben lässt. Wenn Aldo Kalulu, den man eigentlich abgeben wollte, bei seinem zweiten Einsatz innert Monaten nach 70 Minuten von Krämpfen geplagt ausgetauscht werden muss, dann passt das in dieses Muster. 

Der Aspekt der Physis muss beim FCB in der Prioritätenliste weit oben stehen. Auch im Hinblick auf die nächste Saison und die künftige Kaderplanung. 

Vorschlag 1 zum Samstag: Der Trainer

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, mit einem täglichen Tipp. 

1.     Der Trainer 

FCB-Besitzer Bernhard Burgener hat soeben wieder klar gemacht, dass Ciriaco Sforza «unser Trainer ist und bleibt». Es ist zu begrüssen, wenn die Vereinsverantwortlichen einem Übungsleiter auch in schwierigen Zeiten das Vertrauen schenken. Aber nicht blindlings: Die Mannschaft zeigte in den letzten Spielen regelrechte Zerfallserscheinungen. Das muss sich blitzschnell ändern. Gelingt Sforza tatsächlich – wider Erwarten – die Wende, kann ihn das auf lange Frist sogar stärken. Siehe Marcel Koller, der anfänglich auch stark kritisiert worden war, am Ende aber (fast) überall geschätzt wurde.

Präsentiert sich die Mannschaft unter Sforza weiterhin so erschreckend schwach wie zuletzt, muss man ehrlich genug sein, um zu sagen: Wir haben dem Trainer eine Chance gegeben und ihm mehrmals das Vertrauen ausgesprochen, aber er hat beide nicht genutzt. Einfach so wie jetzt weiterzumachen, ist gefährlich. Denn die Saison ist noch nicht gelaufen: Der FCB befindet sich leistungsmässig gerade im freien Fall. Das Polster auf den Barrageplatz ist halb so gross wie der Rückstand auf Leader YB. 

Ein Vorschlag zur Güte, falls Sforza den Turnaround in den nächsten Spielen nicht mehr schafft. Hinter einer Trainerentlassung steckt ja auch immer ein menschliches Schicksal. Sforza hat den sicheren Hafen des FC Wil aufgegeben, um sich auf den FCB und ein Himmelfahrtskommando einzulassen – das muss berücksichtigt und belohnt werden. Rotblau beschäftigt ihn deshalb weiter, aber in einer anderen Position. Heisst es nicht immer, er könne die Jungen fördern? Warum soll er das künftig nicht beim FCB-Nachwuchs tun? Vielleicht tut man ihm einen Gefallen damit.

Ciriaco Sforza ist nicht der richtige Mann

Die Ära von Ciriaco Sforza als Trainer des FC Basel ist vorbei. Das wird nichts mehr. Durchhalteparolen sind überflüssig. 

Der FC Basel hat in der Vergangenheit schon andere beschämende Niederlagen eingefahren – zum Beispiel das 1:7 unter Marcel Koller gegen YB oder das 1:8 unter Christian Gross gegen Sion –, doch diese Pleiten sind nicht mit der 2:6-Schmach gegen Winterthur zu vergleichen. Winterthur ist nicht YB und nicht Sion und war zuletzt mit drei Niederlagen selber in der Krise, gegen Stade Lausanne war der Verein gleich mit 0:3 untergangen; dieser FC Basel war deshalb der ideale Aufbaugegner für das Challenge-League-Team aus dem Kanton Zürich – Aufbauhilfe Nordwest sozusagen. 

Ciriaco Sforza muss auch deshalb gehen, weil die Mannschaft unter ihm regelrechte Zerfallserscheinungen zeigt. Die Basler wirken lust- und leblos, kommen sooft zu spät, dass man das Gefühl hat, der Gegner spiele mit einem Mann mehr. Die Körpersprache der Spieler auf dem Platz signalisierte gegen Winterthur: Hoffentlich ist dieser Schrecken bald vorbei. Silvan Widmer und Afimico Pululu schlichen verletzt vom Platz – und waren am Ende vermutlich sogar noch froh, von dieser Pein, auf dem Rasen zu stehen, vorzeitig erlöst worden zu sein. Die Mimik der Ersatzspieler draussen (vor allem Arthur Cabral wurde immer wieder gross eingeblendet – siehe auch Foto) verriet eine Mischung aus Gleichgültigkeit und – ja, auch Schadenfreude, im Sinne von: Selber schuld, das kommt davon, wenn man die wichtigsten Leute draussen lässt. Auf Fabian Frei und Eray Cömert hatte Sforza von vornherein verzichtet. Es war in den vergangenen Monaten nicht der einzige sehr eigenwillige Entscheid des Trainers, der nicht aufging. 

Auf die Mitschuld der Führungsetage ist in einem anderen, nächsten Beitrag einzugehen. Hier geht es nur um Ciriaco Sforza. Und um den einzigen zulässigen Schluss, den die Auftritte dieser «Mannschaft» mitsamt ihrer Leistungskurve in dieser Saison erlauben: Das Intermezzo mit ihm als Trainer der ersten Mannschaft muss beendet werden. Am besten sofort. Als Nachwuchstrainer wäre er besser aufgehoben, zumal es immer heisst, er könne es so gut mit jungen Spielern. Bei den gestandenen Profis scheint dies weniger der Fall zu sein. Sforza spricht gerne vom «Miteinander», fällt seinen Spielern aber gleichzeitig in den Rücken und massregelt sie in der Öffentlichkeit: Nach der Niederlage gegen den FCZ bekamen Cömert und Zhegrova ihr Fett ab. Ein guter Trainer macht das nicht, Kritik ist etwas für die Kabine. Was Sforza zeigt, ist schlechter Stil. Wie es geht, hat Marcel Koller letzte Saison eindrücklich bewiesen.

Sehr ungeschickt auch die Fehde mit Topskorer Arthur Cabral, der unter Sforza im Vergleich zum starken Vorjahr nicht mehr zu erkennen ist – was aber immer noch reicht, um für die meisten Treffer im Team verantwortlich zu sein. Überhaupt kann man feststellen: Kein einziger Spieler ist unter Ciriaco Sforza besser geworden, viele aber sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Bei einigen ist die Form mittlerweile besorgniserregend. Ricky van Wolfswinkel, um ein Beispiel zu nennen, war schon unter Marcel Koller nicht mehr über alle Zweifel erhaben. Doch nun ist er zum Ärgernis geworden und daran, sein einstmals gutes Standing bei den Fans endgültig zu verlieren. Gegen Winterthur hätte er alleine vor dem Tor zum 3:5 verkürzen können (womit es vielleicht tatsächlich nochmals spannend geworden wäre), doch heraus kam ein mickriges Schüsschen genau auf den Torhüter. Oder Timm Klose: Er hat in der Vergangenheit bei Norwich eindrücklich gezeigt, was er kann, und wäre bei Rotblau von der Erfahrung her eigentlich zum Leader geschaffen. Davon ist derzeit aber in dieser führungslosen Mannschaft nichts zu sehen. 

Es gibt nichts und wirklich rein gar nichts, das darauf hindeutet, dass die Situation besser werden könnte. Im Gegenteil: Der FCB spielt längst wie ein Abstiegskandidat. Wie schnell es gehen kann, haben in der jüngsten Vergangenheit der FCZ und GC gezeigt, die nach ähnlichen Krisen beide abstiegen. Nach Verlustpunkten hat der FCB immer noch acht Punkte Vorsprung auf den Barrage-Platz; darauf verlassen darf und kann er sich nicht. 

Ciriaco Sforza war zur falschen Zeit am falschen Ort und hat selber viel falsch gemacht. Er ist sicher nicht für alles verantwortlich, aber zumindest für soviel, dass er den Trainerstuhl räumen muss. Sofort.

Am Überzeugendsten während und nach der 1:4-Pleite gegen den FCZ war die Reaktion von FCB-Trainer Ciriaco Sforza. Er, der es sonst 90 Minuten lang für nötig hält, seine Spieler von der Seitenlinie aus wie kleine Schulbuben lautstark anzuweisen, strahlte vor den Mikrofonen Ruhe, ja fast schon Gelassenheit aus. «Wir haben noch 21 Spiele», sagte er, «da kann noch viel passen.» 

Allerdings. Es kann noch viel passieren. Und zwar in eine Richtung, die nicht gewünscht ist: abwärts. Schon vor der Winterpause zeigte der FCB erschreckend schwache Spiele. Fünf Wochen hatte Sforza nun Zeit, seine Mannschaft zu justieren, aufzubauen, mit seinen Ideen noch mehr vertraut zu machen. Gesehen hat man davon – nichts. Dem FCB-Spiel krankt es an vielem. Einen Punkt möchte ich jedoch spezieller herausheben:  

Die Spielanlage passst überhaupt nicht! Luca Zuffi sagte es im Pauseninterview: «Wir haben schön von hinten aufgebaut.» Stimmt, der FCB versucht sein Spiel gepflegt von hinten aufzubauen. Und stirbt in Schönheit. Sehr oft nicht mal das – nämlich dann, wenn er beim «schönen Aufbau» Fehler einstreut. Was eben sehr oft der Fall ist. 

Dieser Spielaufbau geht viel zu langsam vonstatten. Dieses ewige hintenherum Spielen hat zwei negative Effekte: Die gegnerische Mannschaft kann sich neu sortieren. Und das eigene Team wird in Trägheit und Passivität eingelullt. Ein Beispiel aus der 63. Minute: Zhegrovas Eckball wird abgewehrt. Der Ball kommt in der Mitte der Zürcher Platzhälfte zu Luca Zuffi. Der nächste Zürcher ist sicher 15 Meter entfernt. Er hat also alle Zeit der Welt, den Ball anzunehmen und ihn in die gefährliche Zone zu spielen. Oder aber selber ein paar Meter nach vorne zu machen und dann in ein direktes 1:1 mit einem Gegner zu gehen und so die Räume zu öffnen. Er aber entscheidet sich ohne Not, den Ball in die eigene Platzhälfte zurück zu spielen, wo Cömert ihn übernimmt und wieder LAAAAANGSAM und eben gepflegt aufbaut. Oder irgendwann dann eben doch nicht mehr: Am Ende bleibt nur noch der hohe, unkontrollierte Ball, den der Gegner mit Leichtigkeit abfängt, falls er nicht bereits im Aus gelandet ist...

Daraus resultierte, dass der FCB zu relativ wenigen Torchancen kam. Cabrals Tor war eine Einzelaktion, bei der er voll ins Risiko ging. Vielleicht sollte Ciriaco Sforza der Mannschaft Bilder aus seinen besten Tagen zeigen, als er der offensive, geniale Spieler war, der den Ball schnell nach vorne trug und so die gegnerischen Reihen aufriss – etwa bei Kaiserslautern oder im Nationalteam im Verbund mit Alain Sutter. Da wurde auf Teufel komm raus Tempofussball gespielt und schnell die gefährliche Zone gesucht. 

Beim FCB ist das Gegenteil der Fall. Wie wenig erfolgreich dieses nervtötende Ballgeschiebe ist, zeigt sich derzeit auch bei Liverpool. Dem Team von Jürgen Klopp geht diese Saison komplett ab, was es so stark gemacht hat: Das vertikale Spiel nach vorne in die gefährliche Zone. Stattdessen wird minutenlang gepflegt hinten aufgebaut. Das Resultat sah man am vergangenen Donnerstag gegen das mediokre Burnley, das aber gut genug organisiert war, um die Liverpooler Offensive mit ihrem horizontalen Spiel zu neutralisieren. 

Der FCB hätte genügend Spieler in den Reihen, um das Spiel nach vorne schnell zu machen. Aber Edon Zhegrova fehlt es derzeit an Selbstvertrauen. Pajtim Kasami versucht zwar etwas zu reissen, ist aber viel zu fehlerhaft und zu oft ohne Auge für den Mitspieler. Fabian Frei hat eine ganz schlimme Körpersprache, bei ihm zählten die Statistiker gegen den FCZ 18 (!) Fehlzuspiele. Stocker ist angeschlagen, und Zuffi braucht natürlich Zeit, bis er wieder der Alte ist – Zeit, die die Mannschaft aber gegenwärtig nicht hat. Silvan Widmer überzeugte unter Marcel Koller durch Sturmläufe an der Seitenlinie, unter Ciriaco Sforza ist davon nichts mehr zu sehen. Cabral wirkt wie ein Fremdkörper in der Mannschaft, kommt aber dank seiner Klasse mit Einzelaktionen trotzdem noch zu Torchancen.  

Die Formschwäche praktisch aller Spieler ist erschreckend und ruft nach einer Erklärung, die Ciriaco Sforza baldmöglichst ergründen muss. Viel kann ihm derzeit ja nicht passieren: Der FCB will sich, so klamm seine Kasse ist, vorläufig sicher nicht einen neuen Trainer leisten. Vielleicht rührt die Ruhe, die Ciriaco Sforza ausstrahlt, von daher.

Hingis und Meta Antenen rein, Morerod und Hess raus

Besten-Listen sind etwas Hochspannendes. Ausser der beste Schweizer Sportler aus den letzten 70 Jahren wird gewählt – so wie es dieses Jahr an den Sport Awards am 13. Dezember geschehen wird. Da kommt sowieso nur Roger Federer in Frage. Deshalb kann man getrost darauf verzichten, die übrigen Kandidaten zu erwähnen (nur soviel: Motorrad-Weltmeister Tom Lüthi ist nicht darunter).
Anders bei den Frauen. Da gibt es zwar auch eine klare Favoritin: Vreni Schneider wird zu Recht mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent gewählt werden. Aber die Liste der Nominierten gibt zu Diskussionen Anlass. Aufgeführt werden auf dieser Liste nebst «Gold-Vreni»: Denise Biellmann, Ariella Kaeslin, Lise-Marie Morerod, Simone Niggli-Luder und Erika Hess. Sicher alles erfolgreiche und verdiente Sportlerinnen, aber: Es hat zu viele Skifahrerinnen darunter. Eine, eben Vreni Schneider, reicht allemal.
Viel lieber hätte man Martina Hingis nominiert, was aber offenbar nicht ging, weil wegen Dopings Verurteilte nicht wählbar sind. Ich bin zwar absolut für eine harte Bestrafung gedopter Sportler, aber bei Hingis verhält es sich anders: Das Kokain ist damals sicher nicht in ihren Körper gelangt, weil sie ihre Leistung steigern wollte... Wie auch immer: Mit ihren Erfolgen in der Weltsportart Tennis würde Hingis zwingend auf diese Liste gehören, auch wenn sie wohl keine Chancen auf den Sieg hätte: Erstens ist die Ski-Lobby unglaublich stimmenstark an solchen Wahlen, zweitens hat Hingis trotz allem in der Schweiz nie die Anerkennung bekommen, die ihr gebührt hätte.

Unesco-Fairnesspreis für Antenen
Und als weitere Kandidatin hätte man auch die Leichtathletin Meta Antenen auf die Liste nehmen müssen, die ebenfalls in einer Weltsportart für Furore sorgte. Sie wurde 1966 gar zum «Schweizer Sportler» gewählt, als die Wahl noch nicht geschlechtsspezifisch erfolgte. Bereits mit 15 brach sie den Schweizer Rekord im Weitsprung. Später kamen weitere Bestmarken hinzu – unter anderem die 6,73 Meter ebenfalls im Weitsprung, die 39 Jahre lang als Schweizer Rekord Bestand haben sollten. Ihre Leistungen waren umso bemerkenswerter, weil sie damals ganztags als Elektrozeichnerin arbeitete. Nach ihrer EM-Silbermedaille 1971 erhielt sie übrigens von der Unesco die Fairness-Medaille, weil sie ihrer Gegnerin so herzlich gratuliert hatte, obwohl diese beim Weitsprung mit den viel besseren Windverhältnissen angelaufen war. Ein Grund mehr, sie auf die Liste der grössten Schweizer Sportlerinnen zu nehmen.

Das Haar Gottes – der Kult um Maradona in Neapel

2019 war ich für eine Reisereportage auf eigene Faust in Neapel und wandelte dort auch auf den Spuren von Maradona. Dabei begegnete ich einem irren Kult, der in einer Café-Bar um ihn getrieben wird. Nun, da der beste Fussballer aller Zeiten nicht mehr ist, möchte ich den kurzen Text dazu (erschienen in der Coopzeitung) an dieser Stelle nochmals aufleben lassen:

Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Diego Maradona» hat den «Fifa-Fussballer des 20. Jahrhunderts» zuletzt auch bei jüngeren Fussballfans, die nicht mehr Zeitzeugen waren, ins Bewusstsein gerückt. Und das ist gut so für einen Besuch in Neapel. Denn Maradona wird am Vesuv auch heute noch wie einem Gott gehuldigt; der Argentinier führte den vorher so serbelnden SSC Neapel in den Achtzigerjahren gleich zweimal zur Meisterschaft. Man kann sich beim Sightseeing einen Spass daraus machen: Wer erspäht an einem Tag am meisten Maradona-Abbildungen? Von grossen Gemälden an Häuserfassaden mit seinem Konterfei bis zu kleinen Maradona-Krippefiguren findet sich die ganze Bandbreite an Heldenverehrungen.

Eine der verrücktesten ist in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Duomo di San Gennaro entfernt, zu finden: Bruno Alcidi hat in seiner «Bar Nilo» in der Via San Biagio dei Librai einen Altar errichtet, der Maradona gewidmet ist. Besonders stolz ist der 58-Jährige auf den Inhalt eines durchsichtigen Behälters, der auf dem Schrein steht: Darin befindet sich «il capello di Maradona» – ein Originalhaar des Verehrten. 1990 sei er, erzählt der eingefleischte Fan, nach einer Partie in Mailand zufälligerweise im gleichen Flieger wie die Napoli-Spieler zurückgeflogen. «Natürlich habe ich nur noch auf Maradona geschaut. Beim Verlassen des Flugzeugs kam ich an seinem Sitzplatz vorbei und entdeckte auf der Kopflehne ein Haar von ihm.» Wie eine Trophäe nahm er dieses mit. Seitdem ist das Haar in seiner Bar eine Touristenattraktion – und bringt ihm täglich eine Vielzahl neuer Gäste. Mit ihnen diskutiert Alcidi leidenschaftlich gerne und stellt klar: «Maradona war der Grösste. Basta.»

Ausscheiden verboten!

Die Partie gegen Sofia ist für den FC Basel zweifelsfrei das wichtigste Spiel der Saison. Seit dem Einstieg von Bernhard Burgener waren es die Europacup-Abende, die Rotblau sportlich über Wasser gehalten und die Bilanz für die Verantwortlichen einigermassen erträglich gemacht haben. Als der FCB vor zwei Jahren unter Übungsleiter Marcel Koller gegen Apollon Limassol überraschend ausschied, schrieben die Zeitungen von einem «Trümmerhaufen», vor dem der FCB nun stehe. Tatsächlich folgte eine schwierige Spielzeit mit einer Spieler-Revolte gegen den Trainer sowie dem späteren Rücktritt von Sportdirektor Marco Streller als Tiefpunkten; die Wirren und Zerwürfnisse konnte auch der Cupsieg nicht kaschieren.

Nun ist die Ausgangslage gar komplizierter, die Unruhe im Verein noch grösser – und damit auch der Druck auf alle. Insbesondere Trainer Ciriaco Sforza würde ein Weiterkommen mehr Ruhe verschaffen, nachdem man den Start in die Meisterschaft als verunglückt bezeichnen darf. Ein Sieg würde aber auch die Hoffnung nähren, dass wichtige Spieler wie die Innenverteidiger Alderete und Cömert oder Stürmer Cabral vorderhand beim FCB bleiben. Ohne internationale Partien scheint für sie der Verbleib bei Rotblau eine trostlose Angelegenheit.

Ein Ausscheiden böte überdies den unzufriedenen Fans noch mehr Munition, um gemeinsam gegen die Führungsetage einzustehen. Und schliesslich geht es heute um viel Geld: Die Millionen aus der Europa League kann der FCB dringend gebrauchen. Ohne diese Einnahmen gerät er in einen Teufelskreis: weniger Geld – mehr Spielerabgänge von Qualität – weniger sportlicher Erfolg - mehr Unzufriedenheit in und ausserhalb des Vereins – weniger Geld usw.

Der FCB muss also heute Abend gewinnen. Ohne Wenn und Aber.

Was von Bernhard Burgeners Auftritt im «Sportpanorama» haften bleibt


- Sein Dank an Trainer Marcel Koller «bei dieser Gelegenheit», denn der Zürcher habe einen guten Job gemacht – so gut offenbar, dass die Zusammenarbeit nun unbedingt beendet werden musste.

- Die starke Figur im sportlichen Bereich heisst Percy van Lierop. Dass ihn Burgener im Gespräch mit Moderator Jan Billeter an allererster Stelle nannte, als er von genügend Fachkompetenz beim FCB sprach, nährt den Verdacht, dass der Holländer gar so etwas wie der heimliche Sportchef ist. So ist vermutlich auch zu erklären, dass bis jetzt zwar der neue Trainer da ist, aber noch kein offizieller Sportchef.

- Journalisten sollen, wenn sie etwas erfahren wollen – wo denn auch sonst – direkt ihn, Bernhard Burgener, anrufen. 

- Bis 2017 war Bernhard Burgener der Mann im Hintergrund. Wer mit ihm eines der seltenen Interviews führten durfte, traf auf einen Gesprächspartner, der von einem Thema zum anderen sprang, kaum je einen Satz beendete, weil er bereits wieder bei der nächsten Idee war, die ihm gerade durch den Kopf ging. Burgener gelang es, diese Ideen mit seinen Leuten hinter den Kulissen so zu kanalisieren, dass meist Erfolgsgeschichten darauf wurden. Beim FC Basel ist dies bis jetzt nicht der Fall, wobei die Geschichte noch nicht zu Ende geschrieben ist. Das Spiel ist erst aus, wenn der Schiedsrichter abpfeift – oder Burgener den Bettel hinwirft. Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Obwohl im «Sportpanorama» einmal mehr klar sichtbar war: Bernhard Burgener, der Nachfolger von Sonnenkönig Bernhard Heusler, wäre weiterhin lieber der Mann im Hintergrund.

Marcel Koller hat einen guten Job gemacht

Wenn es um die Bilanz von Marcel Koller geht, dann kann man sich kurz fassen: Auch wenn das letzte Spiel unter ihm, der Cupfinal, verloren ging – Koller hat einen guten Job gemacht. Angesichts der Unruhe im Verein hat er tatsächlich fast schon einen Orden verdient. Der eine oder andere bezeichnete ihn als Langweiler oder mag sich über seine gelinde gesagt sehr zurückhaltende Art geärgert haben. Genau diese äusserlich kühl anmutende Reserviertheit aber brauchte es, um das Feuer auszuhalten, das beim FC Basel unter dem Dach brannte und noch immer brennt. 

Wenn man dem Zürcher einen Vorwurf machen kann, dann jenen, dass er hin und wieder eigentümliche Entscheide bei der Aufstellung traf, die nicht aufgingen. So etwa in der Anfangszeit im Sommer 2018, als er sich auf Zypern arg vercoachte und sein Team gegen Limassol in der Europa League die Segel streichen musste. Er verlor damals bei der Mannschaft abrupt an Ansehen, sodass es wenige Wochen später gar zur Spielerrevolte kam. Umso erstaunlicher, wie er nachher den Tritt fand und bereits in seinem ersten Jahr mit dem Cupsieg den ersten Titel mit dem FCB feiern durfte. Besonders viel Geschick zeigte er, als er Fabian Frei als Captain entmachtete und auf Valentin Stocker setzte. Beide überzeugten in der Folge mit starken Leistungen; dass Frei sich wieder hauptsächlich auf den Fussball konzentrieren sollte, tat ihm gut.

Die diesjährige Saison von Rotblau war in der Europa League, im Cup und mit Abstrichen auch in der Super League ziemlich okay – mit den Abstrichen sind die ärgerlichen Niederlagen gegen die schwächsten Team der Liga gemeint, die den Titel kosteten. Überzeugend auch, wie Koller Spieler wie Campo, Cabral, Petretta oder zuletzt Pululu zu Leistungsträgern machte.

Oft ist es ja so, dass der Wert eines Trainers erst erkannt wird, wenn er wieder weg ist. So wie bei Urs Fischer beispielsweise, der sich ebenfalls dem Vorwurf ausgesetzt sah, dass er sein Team mit Schlafwagenfussball zum doppelten Meistertitel geführt hatte. Als die neue Führung unter Präsident Bernhard Burgener seinen Vertrag nicht mehr verlängerte, Nachfolger Raphael Wicky danach aber deutlich weniger erfolgreich agierte, trauerten viele Anhänger Fischer plötzlich doch wieder nach – der Schlafwagenfussball wurde nun mit zeitlichem Abstand als kompakte, resultatorientierte Taktik gelobt. Zu spät.

Man darf gespannt sein, wie es nun mit Ciriaco Sforza weitergeht; wie auch immer man sich zu ihm stellen mag, eine Chance hat auch er verdient. Dazu an dieser Stelle bald schon mehr. 

Basler Zeitung
– 19. März 2020


Leichtathletik Alex Wilson weilt derzeit im Trainingslager in Florida. Im Interview erklärt der schnellste Schweizer Sprinter, wie sich das Coronavirus auf seinen Alltag auswirkt und über was er sich besonders ärgert.

Andreas W. Schmid

Alex Wilson, wie beeinflusst das Coronavirus Ihren Alltag im Trainingslager in Orlando?

Wir trainieren hart, wissen aber nicht mehr so richtig, für was. Jetzt hätten hier die ersten Vor-Saison-Wettkämpfe stattfinden sollen. Doch sie wurden bereits alle abgesagt. Okay, es sind noch ein paar Monate hin bis zu den Höhepunkten des Jahres. Die Olympischen Spiele in Tokio beginnen Ende Juli, die Europameisterschaften in Paris einen Monat später. Aber wir fragen uns schon: Ist bis dann wieder alles gut? Finden diese Wettkämpfe überhaupt statt?

Gehen Sie noch in die Stadt?

Nicht mehr gross. Am Sonntag belohnen wir uns für die harte Arbeit und gehen zusammen an den Strand. Nun bleiben wir zu Hause. Entweder wir sind in unseren Unterkünften. Oder im Auto. Oder auf dem Trainingsgelände. Dieses ist abgesperrt, ausser uns kann dort niemand rein. Gleich in der Nähe ist Disney World, der Vergnügungspark. Nun ist er wegen des Notstands geschlossen. Es wirkt alles so gespenstisch.

Wie informieren Sie sich?

Ich schaue Fernsehen. Und ich lese online «20 Minuten». Als ich Mitte Februar hierherkam, war Corona noch kein Thema. Zwar wurde die Hallen-WM in Nanjing abgesagt. Und ich sah die Bilder von Wuhan, wo alles abgesperrt war. Aber Sie wissen ja, wie das ist: China ist weit weg, man nimmt es trotzdem nicht so ernst. Europa wurde bis jetzt von diesen Dingen verschont. Bei Ebola oder Sars war es auch so. Erst als ich dann hörte, dass in Basel sogar die Fasnacht abgesagt wurde, wusste ich: Da kommt etwas auf uns zu. Trotzdem hofft man, dass es doch nicht so schlimm wird.

Schlägt Ihnen das Ganze auf die Moral?

Ich versuche mich zu informieren, ich will aber auch nicht nur am Handy hängen. Sonst machst du dich nur kaputt. Es steht so viel «Schissdräck» drin. Mein Hauptjob ist es jetzt, hart zu trainieren. Damit ich bereit bin, wenn es im Sommer doch noch losgeht. Am meisten beschäftigt mich, wann ich meine Familie wiedersehe. Geplant war, dass ich Anfang April für ein paar Tage zu ihr ins Elsass, wo wir wohnen, zurückkehre. Das ist jetzt aber höchst unsicher. Verlasse ich die USA, wars das mit dem Trainingslager in Florida.

Was sagt Ihre Frau?

Es ist natürlich nicht einfach für sie. Man darf in Frankreich ja nicht mehr die Wohnung verlassen. Zum Glück haben wir noch grosse Vorräte eingekauft, bevor ich wegging. Aber nicht wegen Corona, sondern damit sie nicht zu viel schleppen muss. Natürlich wäre ich in dieser Situation gerne bei ihr. Aber das ist halt mein Job. Ich bin Sprinter, ich muss trainieren. Es war alles perfekt geplant mit dem Trainingslager hier in Orlando und dem Abstecher zwischendurch nach Europa.

Glauben Sie, dass die Olympischen Spiele stattfinden?

Ja, ich glaube noch daran. Vielleicht helfen die heissen Monate im Kampf gegen das Virus. Der japanische Premierminister hat gesagt, dass sie stattfinden. Wie viel kosten diese Spiele? Ich habe gehört 27 Milliarden Franken. So viel Geld wirft man nicht einfach aus dem Fenster. Auch deshalb glaube ich, dass sie alles daransetzen werden, dass die Spiele stattfinden. Vielleicht werden sie auch um ein paar Monate verschoben. Beeinflussen können wir das nicht, wir Athleten sowieso nicht. Wir sind die Letzten, die etwas zu sagen haben. Wir müssen einfach dort sein, wo sie uns hinbestellen.

Was, wenn die Spiele ganz abgesagt werden?

Dann wäre ich riesig enttäuscht, weil die Spiele meilenweit über allem stehen. Eine Medaille an Olympia ist zehnmal so viel wert wie eine EM-Medaille. Vom Sportlichen her, aber auch finanziell. Ich würde also auch Geld verlieren. Es reden alle über die Spiele in Tokio, aber kein Mensch über die EM in Paris. Das zeigt schon alles. (längere Pause) Aber auch wenn Tokio 2020 wirklich ins Wasser fällt – das Leben geht trotzdem weiter. Und die Gesundheit der Menschen geht vor.

Haben Sie etwas von Swiss Olympic gehört?

Ich habe ein paar Mails erhalten. Die habe ich jedoch nur überflogen. Natürlich ging es dabei auch um Corona und dass in der Schweiz alle Sportstätten geschlossen sind. Dass ein normales Training gar nicht möglich ist und alle Wettkämpfe ausfallen. Aber wie gesagt: Ich möchte gar nicht zu viel wissen. Mich interessiert vor allem: Wo muss ich wann erscheinen, um zu laufen? Wenn mich etwas beschäftigt, dann etwas anderes.

Was?

Gerade gestern habe ich mich mit einem Trainingskollegen darüber unterhalten, und wir waren uns einig: Jetzt ist die Stunde der Doper gekommen. Die laden sich jetzt mit ihrem Zeugs voll.

Und die Dopingkontrollen?

Jetzt will doch niemand kontrollieren. Oder würden Sie in der jetzigen Situation zu jemandem nach Hause kontrollieren gehen? Seit ich hier in Orlando bin, wurde ich noch nie kontrolliert, obwohl sie jederzeit darüber informiert sind, wo ich mich aufhalte. Das ist doch traurig! Und ein riesiger Rückschritt.

Wie sind Sie eigentlich in Form?

Schade, dass am nächsten Wochenende der erste Test abgesagt worden ist. Ich wäre über 200 und 400 Meter gelaufen. Aber bis jetzt lief alles nach Plan, ich fühle mich super. Im Training war ich schneller als letztes Jahr.

Welche Zeiten peilen Sie demzufolge an?

Ich möchte dort anknüpfen, wo ich letztes Jahr meinen besten Wettkampf hatte. In La Chauxde-Fonds lief ich mit 10,08 Sekunden über 100 Meter und 19,98 über 200 Meter Schweizer Rekord. Am selben Tag verletzte ich mich. Wäre das nicht passiert, hätte ich noch schnellere Zeiten laufen können. Nun möchte ich das diese Saison nachholen.



Das Spiel ist aus – auch der Sport muss sich dem Corona-Virus beugen

Das Spiel ist aus. Auch der Sport und seine Anhänger, zu denen ich mich ebenfalls zähle, müssen anerkennen, dass es sich nur um eine der schönsten Nebensachen handelt. Deshalb sind alle Meisterschaften und Sportveranstaltungen abzusagen. Alles andere wäre fahrlässig, es geht hier um Wichtigeres. Dieses Herumgewurstle, dass jeder Ort, jede Provinz, jedes Land, jede Gesundheitsbehörde andere Regeln aufstellt, muss aufhören. Nur schon dieses unsägliche Hin und Her vor dem Spiel des FC Basel gegen Eintracht Frankfurt – zuerst das Rückspiel als Geisterpartie in Basel geplant, dann überhaupt kein Spiel, dafür aber das Hinspiel mit Zuschauern in Frankfurt, dann doch keines mit den Fans, sondern nur ein Geisterspiel. Und nun noch die Befürchtung, dass trotzdem eine Vielzahl von Deppen vor dem Stadion aufkreuzt, weil sie den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Die Bilder aus Paris, wo Tausende von Anhängern trotz Corona-Virus vor dem Stadion zusammengepfercht den hoffentlich bald wertlosen Sieg von Paris St. Germain feierten, waren unglaublich peinlich und bestätigen wieder mal das Klischee, dass Hirn und Anstand verloren gehen, wenn der Ball rollt.  

Asche auf mein Haupt – ich war am vergangenen Samstag selber in Freiburg im Schwarzwaldstadion, um über SC Freiburg gegen Union Berlin zu berichten. Ich bereue es mittlerweile. Es war ein Fehler. Ich hätte zu Hause bleiben sollen. 24'000 Zuschauer auf engstem Raum im Stadion und zuvor im ÖV – so wird man dem Coronavirus nicht Herr. Denn die Lage ist dramatisch, man schaue nach Italien – wo alles stillsteht. Möglich, dass auch wir bald so radikal agieren müssen. 

Die Corona-Epidemie wird uns noch längere Zeit beschäftigen: Die Prognose der deutschen Bundesregierung, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sich mit dem Virus infizieren werden, lässt keinen anderen Schluss zu. Nachdem jetzt auch die ersten Sportler erkrankt sind, rechne ich damit, dass in nächster Zeit alle grösseren Veranstaltungen abgesagt werden. Die Eishockey-WM und die Fussball-EM sind für mich bereits erledigt. Auch die Olympischen Spiele in Tokio stehen auf der Kippe, obwohl es noch vier Monate bis dorthin sind. Bei einer weltweiten Pandemie ist diese Zeitspanne jedoch sehr wenig. Ich finde deshalb, dass IOC-Präsident Thomas Bach besser daran täte, mit den japanischen Organisatoren schleunigst einen Plan B auszuarbeiten, als die Sportler anzuhalten, ganz normal weiterzumachen, als ob nichts geschehen werde. Weltfremder kann man nicht sein! Was beim IOC allerdings keine neue Erkenntnis ist.

Vladimir Petkovic bleibt also mindestens bis Ende 2021 Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Es ist kein Fehler, dass der Fussballverband mit ihm weiterarbeiten will. Falsch ist nur der Zeitpunkt für diese Verlängerung. Man hätte zuerst die Fussball-EM abwarten und einen neuen Vertrag mit Petkovic davon abhängig machen sollen, wie sich die Schweizer Fussballer an der Endrunde präsentieren. Begeistern sie, hat Petkovic die Verlängerung für die nächste WM-Qualifikationsphase redlich verdient. Falls aber nicht, hat man ein Problem. Dann könnte es teuer werden, wenn man sich doch von ihm trennen muss.

Wir erinnern uns: Während die EM vor vier Jahren in Frankreich einigermassen okay war – die Schweiz verlor gegen Polen im Achtelfinal unglücklich durch Penaltyschiessen –, wurde die WM 2018 in Russland zur riesigen Enttäuschung und zum Turnier der verpassten Chance. Mit Angsthasenfussball wollte man den biederen Schweden beikommen und musste stattdessen den grossen Traum vom Viertelfinal begraben; nie wäre es einfacher gewesen, an einer Endrunde endlich mal für Furore zu sorgen. So, wie dies auch anderen Aussenseitern immer wieder gelingt, etwa Griechenland an der EM 2004 (Europameister) oder Wales (Halbfinal) und Island (Viertelfinal) an der EM 2016. Dazu gab es eine riesige Polemik um die Doppeladler-Affäre im Schweizer Team und ein Kommunikations-Debakel mit Vladimir Petkovic, der nach dem Turnier abhaute, ohne sich nochmals zu erklären.

Die Medien schossen in ihren Analysen zur WM scharf gegen den Fussballlehrer. Beispiel NZZ: «Den Schweizern fehlten die Kraft in den Beinen, der Drang im Herzen, die Ideen im Kopf. Ihnen fehlte die Wut im Bauch. Sie siechten der Niederlage in einem eigenartigen Trott entgegen.» Einem Trott, der in etwa dem Temperament entspricht, mit dem sich Petkovic in der Öffentlichkeit jeweils präsentiert: Bei ihm wirkt jedes Interview als lästige Pflichtaufgabe. Der schweizerisch-kroatische Doppelbürger zählt zur Kategorie Trainer, die ihre Arbeit am liebsten im stillen Kämmerlein (in diesem Fall die Kabine) verrichten würden, ohne sich je erklären zu müssen. Dabei gehört eine überzeugende Aussendarstellung ebenfalls zum Jobprofil eines guten Nationaltrainers dazu.

Schliesslich noch ein Wort zum ach so tollen Punkteschnitt, der immer als Argument für Petkovic angeführt wird – auch jetzt bei dieser Vertragsverlängerung. Ja, unter ihm haben die Schweizer einen ansehnlichen Schnitt von 1,87 Punkten pro Spiel ergattert. Man sollte sich allerdings auch mal die Gegner anschauen, gegen die die Schweizer fleissig punkteten. Da hat es so viele schwache Teams wie unter keinem anderen Nationaltrainer. Nämlich Färöer, Andorra, Weissrussland, Panama, Gibraltar, San Marino, Liechtenstein, Estland und andere mehr – einige von ihnen waren übrigens die Schweizer Gegner in den aufgeblähten Qualifikationen. Dass die Schweiz in diesen den Sprung an die Endrunden schafften, war angesichts der eher mediokren Gegnerschaft Pflicht und keine Heldentat.

Deshalb nochmals: Man hätte zuerst abwarten müssen, was die Schweizer Nationalmannschaft unter Vladimir Petkovic an der EM 2020 zeigt – um dann in Ruhe zu entscheiden, wie es mit dem Nationaltrainer weitergeht. Warum nur diese Eile?

Es ist bekannt, dass Dortmund-Trainer Lucien Favre kein Freund von Interviews ist, erst recht nicht von diesen kurzen Frage-Antwort-Spielen unmittelbar nach Schlusspfiff einer Partie. So war auch nichts zu erwarten, als er sich nach dem verlorenen Cupspiel seiner Mannschaft gegen Werder Bremen vor die Kamera stellte. Und tatsächlich: Hilflos stammelte Favre sich durch seine Antworten. Seine Mannschaft habe das Spiel in den ersten 45 Minuten verloren. Sein Team sei schlecht gewesen – vor allem in der ersten Halbzeit. Weshalb das so war, darauf ging er mit keinem Wort ein, und auch der Reporter verpasste es leider nachzufragen.
 Dabei war es offensichtlich: Favre hatte selber einen kapitalen Fehler begangen – er hatte Erling Haaland in der so schwachen ersten Hälfte auf der Bank schmoren lassen. Ein Grund ist nicht zu erkennen, weshalb er dies tat. Vielleicht wollte er dem Jungen damit zeigen, dass er in der Hierarchie der Mannschaft noch nicht oben steht. Dabei ist Haaland ein Geschenk des Himmels, der Fussballgötter. Die halbe Welt war hinter dem 19-Jährigen her, Dortmund aber erhielt den Zuschlag – und in den ersten drei Spielen bewies er ohne Anlaufzeit sofort eindrücklich, dass die Vorschusslorbeeren berechtigt waren. Haaland spielte in jedem Spiel überragend, so überragend, dass er zwingend aufs Feld gehört. Haaland muss immer spielen. Mit ihm ist Dortmund doppelt so gut. Doch der gute Lucien Favre schaffte es nicht, über seinen Schatten zu springen. Und setzte den Norweger auf die Bank. Unverständlich. Denn kaum wurde er eingewechselt, war Dortmund eine ganz andere, viel bessere Mannschaft.
 Es ist ein Rätsel, weshalb Lucien Favre von allen in den Himmel gelobt wird. Auch als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft wird er immer wieder gehandelt (auch wenn er jedes Mal selber absagt). Was die kommunikativen Fähigkeiten anbelangt, wäre das allerdings keine Verbesserung gegenüber Vladimir Petkovic, so spröde dieser in der Aussendarstellung auch sein mag. Fakt ist: Favre wurde schon zweimal Trainer des Jahres in der Bundesliga, einen Titel hat er allerdings noch nicht erreicht, ausser mit Dortmund den Supercup, ein Wettbewerb, den man den Hasen geben kann. Mit dem FCZ hatte er Erfolg, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Dafür ziehen sich eigentümliche Personalentscheidungen wie ein roter Faden durch seine Trainerkarriere. Nur ein ausgewähltes Beispiel: Bei Hertha BSC überwarf er sich ausgerechnet mit Marko Pantelic, der im Sturm Alleinunterhalter und fast an allen Toren beteiligt war. Irgendwann hatte Pantelic vom Trainer die Nase voll, er ging zu Ajax – wenig später wurde Favre entlassen. Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass die Hertha später abstieg.
 Bei Dortmund schafft er es aktuell nicht, den hochtalentierten Mario Götze zu reintegrieren, Marco Reus und Manuel Akanjii suchen seit längerem nach ihrer Form. Reus fällt nun auch noch aus, was sich aber als Glücksfall herausstellen könnte: Vielleicht bleibt nun Favre nichts anderes übrig, als Haaland von Anfang an zu bringen. Sicher ist das allerdings nicht.

Zu Besuch bei Christian Streich

Es sind acht Jahre, die Christian Streich nun Cheftrainer beim SC Freiburg ist – es fühlt sich jedoch wie einige Ewigkeit an. Okay, da ist noch die Erinnerung an einen, der in grauer Vorzeit am selben Ort ebenfalls ungewöhnlich lange den Chefsessel besetzte, ohne dass dieser einmal ernsthaft wackelte: Die Rede ist von Volker Finke. Er wurde zur Legende, die aber nicht alles überragt, was nach ihm kam – auch weil Christian Streich einen grossartigen Job macht und als amtsältester Bundesligatrainer bereits selber eine lebende Legende ist.
Doch genug der warmen Worte, gehen wir lieber direkt über ins Gespräch mit dem Deutschen, der als Kind gerne nach Basel kam, um sich die Spiele des FC Basel anzuschauen. Ich habe Christian Streich diese Woche in Freiburg getroffen. Hier das Interview:
http://www.awsmedien.ch/christian-streich
Ein Wahnsinns-Jahrzehnt!

Das vergangene Jahrzehnt war ein besonders intensives, was mein Reporterleben anbelangt. Es führte mich auf alle Kontinente dieser Erde, Greta und die nachfolgenden Generationen mögen es mir verzeihen. Eine Vielzahl von Begegnungen und Sportereignissen bleibt in Erinnerung. Spontan fallen mir diese ein:

Simon Ammann hebt ab: Vancouver 2010

Bei Goldmedaillen an Olympischen Spielen live dabei zu sein, ist Glückssache. Mehrheitlich hält man sich ja am falschen Ort auf, beim Gewichtheben, Tontaubenschiessen oder Speerwurf. Umso glücklicher war ich, dass ich wie schon 2002 in Salt Lake City auch 2010 in Vancouver live im Stadion war, als die Flugshow des Toggenburgers alle begeisterte. Bei Olympia 2006 in Turin hingegen hatte ich das Skispringen nicht verfolgt – zu trostlos war die Atmosphäre in Pragelato. Prompt landete «Simi» viel zu früh, auch ihm fehlte das gewisse Etwas in diesem eher tristen Skisprung-Stadion.
In Vancouver antwortete Simon Ammann auf meine Frage, ob er angesichts seiner Flugkünste in seinem früheren Leben ein Vogel gewesen war, dass das durchaus möglich sei. «Nur ein Poulet war ich definitiv nicht, denn das kann nicht fliegen.»

Der FCB zerlegt die AS Roma, Rom 2010 

Ein grossartiger Auftritt des FCB im Stadio Olimpico: Er besiegt in der Champions League die AS Roma mit 3:1. Alex Frei, Inkoom und Cabral sind für die Treffer besorgt. Mindestens so denkwürdig ist die Busfahrt zum Stadion: Roma-Fans bewerfen den Basler Medien-Bus mit Steinen und zerstören eine Scheibe. Tags zuvor hat sich mein Kollege Marcel Rohr, damals noch BaZ-Sportchef, in einem öffentlichen Bus 200 Euro klauen lassen: Das Portemonnaie befand sich zwar auch nach dem Diebstahl weiterhin in seiner Jackentasche, das Geld aber fehlte.

Federer hat kein Erbarmen mit Murray, Wimbledon 2012 

Unglaubliche Atmosphäre in Wimbledon: Im Final zwischen Roger Federer und Andy Murray sind die Sympathien der Fans gleichermassen verteilt, was doch sehr erstaunlich ist – schliesslich könnte der Schotte Andy Murray als erster Brite seit über 70 Jahren endlich den Titel gewinnen. Doch Federer macht ihm einen Strich durch die Rechnung und gewinnt in vier hochklassigen Sätzen. Murray vergiesst bittere Tränen, die spätestens vier Wochen später getrocknet sind: Dann besiegt er im Olympia-Final an selber Stätte den gleichen Gegner klar und deutlich.

Ein Russe hält sich dort auf, wo er eigentlich gar nicht sein dürfte, Zürich 2014 

Der Russe Victor Chegin steht an der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich in der Betreuerzone, obwohl er dort eigentlich gar nicht sein dürfte. Über 20 seiner Schützlinge in der Disziplin Gehen wurden in den Jahren zuvor nämlich der Einnahme unerlaubter Mittel überführt; darunter hatte es Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. Schliesslich wurde Chegin auf Druck des Internationalen Leichtathletikverbandes vom russischen Verband aus dem Betreuerstab verbannt, allerdings nur pro forma. Denn in Zürich coacht er munter weiter, ohne Akkreditierung wird er in der Athletenzone gesichtet. Seine Schützlinge holen Medaillen zuhauf. Es ist ein Vorgeschmack auf die späteren Dopingskandale, die im Zusammenhang mit Russland ans Licht kommen.

Federer vs. Wawrinka, London 2014

Ich bin zwar nicht vor Ort, unvergesslich bleibt dieses Spiel trotzdem: Im Halbfinal der ATP World Tour Finals bekriegen sich Roger Federer und Stan Wawrinka, als wären sie nie Freunde gewesen. Am Ende gewinnt Federer, muss am nächsten Tag jedoch für das Endspiel forfait erklären. Nun beginnt das grosse Zittern: Ist er bis zum Davis-Cup-Final, den er eine Woche später ausgerechnet mit Stan bestreitet, wieder fit? Die Antwort lautet ja. In einem lahmen Final gewinnen die Schweizer problemlos. Die grossen Emotionen aber gab es eine Woche zuvor.

http://www.awsmedien.ch/blog/als-federer-vor-wut-bebte 

Eren Derdiyok kehrt zurück, Istanbul 2015

Ich besuche Eren Derdiyok in Istanbul, als er in Diensten von Kasimpasa steht. Bis es soweit ist, muss ich stundenlang in einem Taxi ausharren, das sich durch den Verkehrsstau quält. Bei Ankunft im vereinbarten Restaurant rund vier (!) Stunden zu spät ist der Basler natürlich schon längst weg und ich mit den Nerven am Ende. Ich schreibe ihm eine SMS, dass ich nun endlich da sei. Und, oh Wunder, Derdiyok kommt zurück – nicht selbstverständlich für einen Fussballprofi. Unvergesslich!

http://www.awsmedien.ch/eren-derdiyok-in-istanbul

Mit Martina Hingis beim Frühstück und Angelique Kerber im Wasser, Melbourne 2016

http://www.awsmedien.ch/martina-hingis

http://www.awsmedien.ch/crocodile-andee-your-baby-is-on-the-way

Gjergjaj im Ringstaub, London 2016

Für den Autor dieser Zeilen vielleicht das emotionalste Sporterlebnis im vergangenen Jahrzehnt. Tiefer und schmerzvoller kann ein Sportler nicht fallen.

http://www.awsmedien.ch/blog/nai-nai-nai-erinnerungen-an-gjergjajs-kampf-in-der-o2-arena

Eine kurze Begegnung mit Helo Pinheiro, Rio de Janeiro 2016

Gerade an Grossereignissen wie den Olympischen Spielen sind es die kleinen Randgeschichten, die in Erinnerung bleiben. So wie 2016 in Rio, wo ich beim Fackellauf Helo Pinheiro aufgelauert habe, um sie nach Erfüllung ihres Parts anzusprechen (siehe auch Bild oben):

http://www.awsmedien.ch/helo-pinheiro-in-rio

Ueli Steck in der Kletterhalle, Ostermundigen 2017

Zwei Monate, bevor Ueli Steck viel zu früh stirbt, treffe ich ihn zum Interview in der Kletterhalle Ostermundigen. Er wirkt sehr nachdenklich und spricht mehrmals über das, was einem Kletterer zustossen könnte: «Als Bergsteiger brauchst du auch Glück.» Ueli Steck hatte es nicht, denn am 30. April 2017 stürzt er ab.
http://www.awsmedien.ch/ueli-steck-märz-2017

Roger Federer im Training, Paris 2019

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Am French Open besuche ich das Training von Roger Federer. Der Zutritt ist Journalisten erlaubt. Wollen sie allerdings mit einem Spieler sprechen, müssen sie das zuvor beim Empfang anmelden; eine Garantie, dass der Spieler dann auch wirklich zur Verfügung steht, gibt es nicht. Bei den grossen Stars kann man es vergessen, dafür gibt es die Pressekonferenzen.
Federer trainiert mit Kei Nishikori. Nach der Übungssession grüsst mich RF. Wir smalltalken ein bisschen, schliesslich nutze ich die Gelegenheit dazu, ihm eine Frage zu Michael Chang zu stellen;  zu dessen sensationellem Sieg vor 30 Jahren möchte ich nämlich einen Artikel schreiben. Gegen ihn hat er noch gespielt, ein paar Minuten zuvor haben die beiden sich ausgetauscht, denn Chang ist der Coach von Nishikori. Federer erinnert sich sofort an das eine oder andere Spiel und erzählt, dass ihre Kinder manchmal miteinander spielen würden. Irgendwann spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter tippt, es ist ein Sicherheitsmann: «Sie dürfen nicht mit ihm sprechen.»

«Aber...»

«Es ist verboten!»

Federer hebt die Hand: «Kein Problem, wir kennen uns.»

Dann spricht er weiter über Chang.
Als ich später das Trainingsgelände verlassen will, eilt der Sicherheitsmann heran. «Sie hätten ihn nicht ansprechen dürfen!»

«Aber er hat mich angesprochen.»

«Das kann jeder sagen.»

«Wir kommen beide aus Basel und kennen uns seit 20 Jahren.»

«Mir egal. Das nächste Mal fliegen Sie raus!»
http://www.awsmedien.ch/michael-chang-30-jahre-nach-seinem-triumph


Die FCB-Mannschaft des Jahrzehnts (2010 bis heute)

Es ist natürlich nur eine Spielerei, aber genau deswegen auch ein grosser Spass: Das Ausknobeln, wer beim FC Basel in die Mannschaft dieses Jahrzehnts, das sich dem Ende zuneigt, hineingehört. Schnell wird klar: Vor allem offensiv gibt es ein Überangebot an grossartigen Spielern. Weshalb zum Beispiel ein Granit Xhaka oder der sehr konstante Luca Zuffi es nur auf die Ersatzbank schaffen. Überhaupt muss man ein bisschen kreativ sein und vereinzelt Spieler auch auf Positionen schieben, auf denen sie eher selten oder gar nicht auflaufen. Beispielsweise Breel Embolo auf der Achterposition – dort wäre er meiner Meinung dank seiner grossen Wasserverdrängung und gleichzeitig exzellenten Spielübersicht sehr gut aufgehoben. In Juniorenzeiten spielte er oft auf dieser Position. «Pogba oder Drogba?» lautete die Frage, die sein zeitweiliger Betreuer Carlos Bernegger stellte. Spätere Trainer haben sich dann mehrheitlich dafür entschieden, dass er ganz vorne spielt.

Überraschen mag meine Wahl von Jonas Omlin als Torhüter. Aber wie im letzten Blogbeitrag vom 8. Dezember zu lesen war, ist er für mich der beste FCB-Goalie seit langem, besser gar als Yann Sommer und Franco Costanzo.

Berücksichtigt wurden in der Auswahl nur die Leistungen der Spieler und nicht der Kultfaktor. Deshalb schafft es beispielsweise Markus Steinhöfer nicht ins Jahrzehnte-Team. Scott Chipperfield spielte auch noch in diesem Jahrzehnt, aber da war seine Zeit schon vorbei. In die FCB-Mannschaft von 2000 bis 2009 hätte er es jedoch problemlos geschafft, eventuell gar in die rotblaue Auswahl der besten Spieler aller Zeiten. Natürlich ist auch Valentin Stocker eine Diskussion wert, aber das Gedränge vorne ist eben sehr gross. Deshalb findet er sich auf der Bank wieder, immerhin.

Trainer des Jahrzehnts sind für mich Murat Yakin, mit dem der FCB es in den Halbfinal der Europa League schaffte, sowie Urs Fischer, dessen Wert man derzeit bei seiner Arbeit in Diensten von Union Berlin bewundern kann. Thorsten Fink hingegen ist nur Ersatz. Sein Fussball war zwar spektakulär, seine Loyalität zum FCB hingegen spektakulär klein. Sonst wäre er nicht mitten in der Saison zum HSV abgehauen.

Jonas Omlin ist der beste FCB-Goalie seit langem!

Ein bisschen unüberlegt, ich gebs zu, war meine Aussage zu Jonas Omlin in der «Soccer Lounge» auf Sportal HD. Auf die Frage von Moderator Mämä Sykora, ob Luganos Goalie Noam Baumann und FCB-Torhüter Jonas Omlin gleich gut seien, antwortete ich sinngemäss: «Das kann man so sagen (…), wobei bei Omlin die Gefahr besteht, dass er bald weg ist.»

Diese Gefahr ist tatsächlich real – und zwar weil der FCB-Goalie der mit Abstand beste Torhüter der Super League ist. Besser auch als Noam Baumann (damit revidiere ich meine Aussage in der Sendung), auch wenn der seine Sache in dieser Saison sehr gut macht.

Ich gehe sogar noch einen Schritt und behaupte – dieses Mal nicht unüberlegt –, dass Omlin der beste aller Goalies ist, die in den letzten zwei Jahrzehnten das rotblaue Trikot getragen haben. Yann Sommer war super, ein Publikumsliebling und nun bei Gladbach ein so sicherer Wert, dass sein Vertrag soeben bis 2023 verlängert wurde. Franco Costanzo war auf der Linie sensationell stark und Pascal Zuberbühler vor allem in seiner Ausstrahlung für die gegnerischen Stürmer furchteinflössend. Auch in guter Erinnerung: Tomas Vaclik, der nun bei Sevilla Stammgoalie ist.

Der FCB durfte und darf sich also glücklich schätzen, dass er sich hinten jederzeit auf seinen Torhüter verlassen konnte und kann. Jonas Omlin aber ist der Beste von allen: reflexstark auf der Linie, überzeugend bei hohen Bällen und mit gutem Auge und genügend Zielgenauigkeit mit Füssen und Händen für ein konstruktives und schnelles Aufbauspiel: Man achte darauf, wie schnell er jeweils den Gegenangriff auslöst.

«Transfermarkt.ch» gibt seinen Wert derzeit mit 6 Millionen Franken an – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was eine Mannschaft mit ihm erhält. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Der FCB täte gut daran, vorzeitig mit ihm zu verlängern! 

Hier geht’s zur Soccer Lounge auf Sportal HD:

https://sportalhd.com/all/grid/EGaBISgY/lEkUx0ld