Das Haar Gottes – der Kult um Maradona in Neapel

2019 war ich für eine Reisereportage auf eigene Faust in Neapel und wandelte dort auch auf den Spuren von Maradona. Dabei begegnete ich einem irren Kult, der in einer Café-Bar um ihn getrieben wird. Nun, da der beste Fussballer aller Zeiten nicht mehr ist, möchte ich den kurzen Text dazu (erschienen in der Coopzeitung) an dieser Stelle nochmals aufleben lassen:

Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Diego Maradona» hat den «Fifa-Fussballer des 20. Jahrhunderts» zuletzt auch bei jüngeren Fussballfans, die nicht mehr Zeitzeugen waren, ins Bewusstsein gerückt. Und das ist gut so für einen Besuch in Neapel. Denn Maradona wird am Vesuv auch heute noch wie einem Gott gehuldigt; der Argentinier führte den vorher so serbelnden SSC Neapel in den Achtzigerjahren gleich zweimal zur Meisterschaft. Man kann sich beim Sightseeing einen Spass daraus machen: Wer erspäht an einem Tag am meisten Maradona-Abbildungen? Von grossen Gemälden an Häuserfassaden mit seinem Konterfei bis zu kleinen Maradona-Krippefiguren findet sich die ganze Bandbreite an Heldenverehrungen.

Eine der verrücktesten ist in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Duomo di San Gennaro entfernt, zu finden: Bruno Alcidi hat in seiner «Bar Nilo» in der Via San Biagio dei Librai einen Altar errichtet, der Maradona gewidmet ist. Besonders stolz ist der 58-Jährige auf den Inhalt eines durchsichtigen Behälters, der auf dem Schrein steht: Darin befindet sich «il capello di Maradona» – ein Originalhaar des Verehrten. 1990 sei er, erzählt der eingefleischte Fan, nach einer Partie in Mailand zufälligerweise im gleichen Flieger wie die Napoli-Spieler zurückgeflogen. «Natürlich habe ich nur noch auf Maradona geschaut. Beim Verlassen des Flugzeugs kam ich an seinem Sitzplatz vorbei und entdeckte auf der Kopflehne ein Haar von ihm.» Wie eine Trophäe nahm er dieses mit. Seitdem ist das Haar in seiner Bar eine Touristenattraktion – und bringt ihm täglich eine Vielzahl neuer Gäste. Mit ihnen diskutiert Alcidi leidenschaftlich gerne und stellt klar: «Maradona war der Grösste. Basta.»