Es passt überhaupt nicht beim FCB

Am Überzeugendsten während und nach der 1:4-Pleite gegen den FCZ war die Reaktion von FCB-Trainer Ciriaco Sforza. Er, der es sonst 90 Minuten lang für nötig hält, seine Spieler von der Seitenlinie aus wie kleine Schulbuben lautstark anzuweisen, strahlte vor den Mikrofonen Ruhe, ja fast schon Gelassenheit aus. «Wir haben noch 21 Spiele», sagte er, «da kann noch viel passen.» 

Allerdings. Es kann noch viel passieren. Und zwar in eine Richtung, die nicht gewünscht ist: abwärts. Schon vor der Winterpause zeigte der FCB erschreckend schwache Spiele. Fünf Wochen hatte Sforza nun Zeit, seine Mannschaft zu justieren, aufzubauen, mit seinen Ideen noch mehr vertraut zu machen. Gesehen hat man davon – nichts. Dem FCB-Spiel krankt es an vielem. Einen Punkt möchte ich jedoch spezieller herausheben:  

Die Spielanlage passst überhaupt nicht! Luca Zuffi sagte es im Pauseninterview: «Wir haben schön von hinten aufgebaut.» Stimmt, der FCB versucht sein Spiel gepflegt von hinten aufzubauen. Und stirbt in Schönheit. Sehr oft nicht mal das – nämlich dann, wenn er beim «schönen Aufbau» Fehler einstreut. Was eben sehr oft der Fall ist. 

Dieser Spielaufbau geht viel zu langsam vonstatten. Dieses ewige hintenherum Spielen hat zwei negative Effekte: Die gegnerische Mannschaft kann sich neu sortieren. Und das eigene Team wird in Trägheit und Passivität eingelullt. Ein Beispiel aus der 63. Minute: Zhegrovas Eckball wird abgewehrt. Der Ball kommt in der Mitte der Zürcher Platzhälfte zu Luca Zuffi. Der nächste Zürcher ist sicher 15 Meter entfernt. Er hat also alle Zeit der Welt, den Ball anzunehmen und ihn in die gefährliche Zone zu spielen. Oder aber selber ein paar Meter nach vorne zu machen und dann in ein direktes 1:1 mit einem Gegner zu gehen und so die Räume zu öffnen. Er aber entscheidet sich ohne Not, den Ball in die eigene Platzhälfte zurück zu spielen, wo Cömert ihn übernimmt und wieder LAAAAANGSAM und eben gepflegt aufbaut. Oder irgendwann dann eben doch nicht mehr: Am Ende bleibt nur noch der hohe, unkontrollierte Ball, den der Gegner mit Leichtigkeit abfängt, falls er nicht bereits im Aus gelandet ist...

Daraus resultierte, dass der FCB zu relativ wenigen Torchancen kam. Cabrals Tor war eine Einzelaktion, bei der er voll ins Risiko ging. Vielleicht sollte Ciriaco Sforza der Mannschaft Bilder aus seinen besten Tagen zeigen, als er der offensive, geniale Spieler war, der den Ball schnell nach vorne trug und so die gegnerischen Reihen aufriss – etwa bei Kaiserslautern oder im Nationalteam im Verbund mit Alain Sutter. Da wurde auf Teufel komm raus Tempofussball gespielt und schnell die gefährliche Zone gesucht. 

Beim FCB ist das Gegenteil der Fall. Wie wenig erfolgreich dieses nervtötende Ballgeschiebe ist, zeigt sich derzeit auch bei Liverpool. Dem Team von Jürgen Klopp geht diese Saison komplett ab, was es so stark gemacht hat: Das vertikale Spiel nach vorne in die gefährliche Zone. Stattdessen wird minutenlang gepflegt hinten aufgebaut. Das Resultat sah man am vergangenen Donnerstag gegen das mediokre Burnley, das aber gut genug organisiert war, um die Liverpooler Offensive mit ihrem horizontalen Spiel zu neutralisieren. 

Der FCB hätte genügend Spieler in den Reihen, um das Spiel nach vorne schnell zu machen. Aber Edon Zhegrova fehlt es derzeit an Selbstvertrauen. Pajtim Kasami versucht zwar etwas zu reissen, ist aber viel zu fehlerhaft und zu oft ohne Auge für den Mitspieler. Fabian Frei hat eine ganz schlimme Körpersprache, bei ihm zählten die Statistiker gegen den FCZ 18 (!) Fehlzuspiele. Stocker ist angeschlagen, und Zuffi braucht natürlich Zeit, bis er wieder der Alte ist – Zeit, die die Mannschaft aber gegenwärtig nicht hat. Silvan Widmer überzeugte unter Marcel Koller durch Sturmläufe an der Seitenlinie, unter Ciriaco Sforza ist davon nichts mehr zu sehen. Cabral wirkt wie ein Fremdkörper in der Mannschaft, kommt aber dank seiner Klasse mit Einzelaktionen trotzdem noch zu Torchancen.  

Die Formschwäche praktisch aller Spieler ist erschreckend und ruft nach einer Erklärung, die Ciriaco Sforza baldmöglichst ergründen muss. Viel kann ihm derzeit ja nicht passieren: Der FCB will sich, so klamm seine Kasse ist, vorläufig sicher nicht einen neuen Trainer leisten. Vielleicht rührt die Ruhe, die Ciriaco Sforza ausstrahlt, von daher.