Blog: Aus der Tiefe des Raums

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Drei Bemerkungen zum ziemlich verrückten Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Manchester United:
1. Das war kein Penalty! PSG-Verteidiger Presnel Kimpembe dreht sich beim Schuss von Diogo Dalot um – der Ball fliegt ihm an die Hand, als er schon rückwärts zum Ball in der Luft abhebt. Die Regel aber besagt, dass die Hand absichtlich zum Ball muss, damit es Elfmeter gibt: «Hand to ball». Wie soll das möglich sein, wenn sich der Spieler abgedreht hat?
2. Ich habe grössten Respekt vor Gianluigi Buffon (41) – und kaum etwas finde ich penibler als die Altersfrage (Beispiel Federer). Aber: Buffon bringts nicht mehr. Um die Champions League zu gewinnen, braucht es auch ganz hinten das gewisse Extra und sicher nicht ein halbes Eigentor, wie es ihm unterlaufen ist.
3. Thiago Silva ist ein armes Schwein: Schon wieder so ein Match, in dem seine Mannschaft am Ende wie paralysiert auf dem Feld steht: Okay, beim 1:7 gegen Deutschland an der WM 2014 stand er wegen einer Sperre nicht auf dem Feld, schlimm genug, ja ein Alptraum waren die 90 Minuten auch so. Und nun dieses absolut nicht zu erwartende Aus gegen ManU: Entsprechend geschockt wirkte er beim Interview nach dem Spiel. 

Werner Schneyder war in seiner Karriere schon vieles: Satiriker, Schauspieler, Moderator, Chansonsänger, Ringrichter und – Sportkommentator. Unvergesslich, wie er Boxen kommentierte: mit seinem trockenen Humor hielt er sich mögliche Kritiker (und von denen gibts viele im Fernsehpublikum!) so vom Leib wie Wladimir Klitschko seine Gegner mit dem Jab. 2001 hatte ich das Vergnügen, Werner Schneyder am Sportsymposium in Basel zu interviewen. Schon damals kritisierte er den Sport-Overkill am Fernsehen: Er meinte das Tennis und befürchtete, dass es auch beim Fussball zu viel werden könnte. Hier nochmals das ganze Interview, das damals in einer düsteren Weltlage stattfand; 6 Wochen zuvor hatten die Terroranschläge in New York die Welt schockiert.


Werner Schneyder, wie wichtig ist Ihnen Sport in diesen Tagen?

Werner Schneyder: Es ist nicht anders als an andern Tagen. Sport begleitet mich von den Bubenträumen weg bis hin zur Altersresignation. Sport hat in jedem Lebensalter seine Funktion. Als Kind träumt man davon, was man im Sport wird erreichen können. Und im Alter träumt man sich zurück.

Viele sagen sich jedoch: Was interessiert mich bei all dem, was über die Welt hereinbricht, der Sport?

Dass man am Tag selbst oder am Tag danach unter Schock steht und sagt, ich mag heute keinen Fussball sehen, verstehe ich. Bereits am zweiten oder dritten Tag muss man aber sagen: Wenn es den Terroristen gelingt, unser Leben zu lähmen, und dazu gehört auch jede Art von Entertainment, dann haben die ja etwas erreicht. Dagegen müssen wir uns psychologisch wehren.

Sie haben einmal gesagt, dass es unstatthaft sei, das bisschen Wut, das wir noch in uns haben, an die Degeneration des Sports zu verschwenden - angesichts dessen, was in der Welt alles passiert.

Das stimmt ja auch. Ich sage immer: Die menschliche Gesellschaft gibt sich so viele Blössen und hat so viele negative Entwicklungen, und immer zeigt man mit dem Finger auf den Sport. Im Sport sei es besonders schlimm. Dabei ist es im Sport überhaupt nicht besonders schlimm, nur sieht man es im Sport so schön. Im Sport ist Korruption so wunderbar sichtbar. Und auch der Kapitalismus.

Also keine friedlichen Oasen im Sport, welche die Wirklichkeit aussen vor lassen?

Es gibt zumindest immer wieder schöne Details. Wenn etwa ein Eishockeyspieler auf seinen alten Club trifft und er beim Warmlaufen mit einem ehemaligen Mitspieler eine Runde dreht und quatscht. Das wärmt mir das Herz. Oder der Sonntagvormittagfussball auf dem Dorf. Ich sehe ihn zwar selten, aber wenn, freue ich mich umso mehr. Da essen die Leute ihre Wurst, trinken ein Bier und rufen rein, und die Fussballer spielen voller Leidenschaft.

Was sehen Sie sich sonst noch an?

Vielerlei. Ich habe eine spezielle Vorliebe für Eishockey, dann schaue ich Boxen, Tennis, Leichtathletik, vor allem die Mittelstreckenläufe. Ich finde die Dramaturgie eines 800-m-Laufes etwas vom Spannendsten. Die 100 m gehen mir zu rasch, die 200 mag ich auch nicht so, weil ich erst nach der Kurve weiss, wer vorne ist.

Was ödet Sie an im Sport?

Mich ödet die Überfütterung an. Es ist grauenhaft, dass das Fernsehen uns das Tennis so verdorben hat mit seinem Überangebot. Ich fürchte, dass es auch im Fussball so kommen wird. Ich habe am Dienstagabend die Zusammenfassung der Champions-League-Spiele geschaut und in der Mitte hats mir gereicht. Es ist too much. Formel 1 hasse ich, da habe ich die grösstmögliche Antipathie dafür, die es gibt. Ich mag Sportarten nicht, bei denen das Gerät eine so unglaubliche Rolle spielt. Beim Fussball gibts den Ball, beim Tennis ein Racket, beim Skifahren angeschnallte Bretter. Das steht in einer vernünftigen Relation zum menschlichen Körper. Ein Bolide ist ein Unding.

Sie haben die Mitschuld der Medien erwähnt.

Es geht nicht nur um die Überfütterung. Die meisten Medien verstehen sich auch als Agenten des Sports. Beim Fernsehen wirds noch ein bisschen ärger. Da sind die TV-Anstalten teils sogar Veranstalter eines Events. Wenn sich ein Sender heute einen Boxstall exklusiv sichert, besteht natürlich die Gefahr, dass er nicht mehr kritisch sein will. Das führt dazu, dass bei einer miserablen Fussball-WM die Reporter jener Sender, welche die Rechte für viel Geld erworben haben, nicht sagen werden, dass die Spiele todlangweilig sind.

Das war während Ihrer Tätigkeit als Kommentator bei RTL nie der Fall?

Zumindest beim Boxen nicht, das ist an meiner Person gescheitert. Die gescheiten Leute haben dort gemerkt, dass die kritische Art der Livereportage ein Randpublikum anzieht, das grösser ist als jenes Publikum, das man beim Boxen ohnehin hat. Wenn Sie kritisch sind, können Sie die Anhänger eines Sportes nie vertreiben. Sie können sie böse machen, aber vertreiben werden Sie sie nicht.

Boxen hat derzeit nicht den besten Ruf. Man hört oft, das Niveau von heute sei nicht mehr mit früher zu vergleichen.

Solche Vergleiche sind immer ein Unsinn. Die von uns heute verklärten Fussballteams vor 50 Jahren würden heute 0:10 verlieren, auch gegen die Schweizer. Alles ist viel schneller geworden, alles hat sich verändert.

Sie haben in diesem Gespräch vieles kritisiert. Haben Sie auch konkrete Lösungsvorschläge?

Jede Menge. Nehmen Sie die Abseitsregel: Dass die verantwortlichen Leute nichts daran ändern wollen, geht mir nicht in den Kopf. Wir wissen, dass neun von zehn knappen Abseitsentscheidungen falsch sind. Dieser Sport lebt damit, dass ständig reelle Torchancen abgepfiffen werden, und das macht ihn zur Lotterie. Man müsste mit der verlängerten 16er-Linie experimentieren; Abseits ist demnach nur im Strafraum möglich. Dadurch hat der Linienrichter nur einen gewissen Bereich zu überblicken und die Häufigkeit der Abseitsfälle verringert sich.

Die Sportwelt ist also zu starr...

... und zu fantasielos. Was ich beispielsweise nicht mag, ist der Fosbury-Flop. Die Athleten kommen ja mit dem Nacken auf. Wenn die nicht die riesige Matte hätten, wären sie tot. Ich bin der Meinung, sie müssten genau so weit herunterfallen, wie sie hochspringen. Dann würden sie sich den Fosbury-Flop schnell abgewöhnen. So wie es jetzt ist, ist es absurd. Sport soll doch mit der menschlichen Natur zu tun haben. Wenn ich irgendwo hinauf springe, dann muss ich ja auch genauso hoch wieder runterfallen.

Sonst noch eine Idee?

Aber ja doch. Man sollte Wettbewerbe für gedopte, die sich dazu bekennen, und für nicht gedopte Sportler machen. Ich sehe nicht ein, weshalb man Menschen daran hindern soll, sich zu ruinieren. Selbstmord ist ein Menschenrecht.

Klingt zynisch und doch schauen Sie sich das alles an.

Der Widerspruch ist unauflöslich. Ich bleibe lieber im System und mache Vorschläge. Ich gehöre ja zu dieser Gesellschaft. Das enthebt mich aber nicht der Pflicht, eine Meinung zu haben.
(Foto: flickr.com)

Gestern schrieb ich an dieser Stelle: Fabian Schär muss immer, immer spielen. Gut, dass er dies gestern dann auch durfte, wie man gesehen hat...! Heute muss ein anderer unbedingt spielen: Noah Okafor. Er lieferte letzten Samstag gegen Neuchâtel Xamax einen überragenden Match ab. Okafor gehört in die Startaufstellung im heutigen Cup-Match gegen Sion (20.30 Uhr). Was wäre das für ein Signal, wenn er nach so einer Leistung auf der Bank Platz nehmen müsste? Und: Das Momentum ist im Fussball wichtig. Darauf muss ein Trainer achten. Es gibt viele Beispiele, bei denen ein Trainer das Momentum überhaupt nicht berücksichtigte – und man sich als Aussenstehender nur an den Kopf greifen konnte. Bis heute nicht vergessen habe ich, wie Köbi Kuhn Valentin Stocker nicht für die Heim-EM 2008 berücksichtigte, obwohl der Stürmer beim FCB überragend spielte. Aber Stocker war damals erst 19 Jahre alt. Und noch nicht etabliert. Das gewichtete Köbi Kuhn höher als das Momentum; an der EM sah man dann, dass Stocker sicher ein Gewinn gewesen wäre – so lahm und zahm, wie sich die Schweizer Offensive damals präsentierte.
Besagter Stocker könnte übrigens heute Abend zum Einsatz kommen. Ausgerechnet für Okafor. Allerdings kann auch Stocker das Momentum für sich reklamieren: Gegen Xamax traf er nach langer Durststrecke endlich wieder einmal. Wäre ich Trainer, würde ich mich trotzdem für Noah Okafor entscheiden.

Spektakel-Schär

Es ist eine Wohltat, dass es Fabian Schär bei Newcastle so gut läuft. Ich konnte nie verstehen, weshalb er immer wieder so hart kritisiert wurde. Okay, hin und wieder beging er in der Defensive einen gröberen Bock. Oft aber auch nur deshalb, weil er etwas riskiert. Schär ist vieles, aber sicher kein Langweiler, er steht für Spektakel, er prescht gerne nach vorne, er sucht das riskante Zuspiel – Spieler wie er sind mir tausend Mal lieber als diese Querpass-Heinis, die auch bei einem 0:1-Rückstand in der 89. Minute partout das Risiko vermeiden als nochmals etwas zu versuchen. Schär muss immer, immer spielen!

Bencic ist reif für einen Grand-Slam-Titel!

Es ist nun fünf Jahre her, seit Belinda Bencic erstmals an den Major-Events aufkreuzte und sich einem grösseren Publikum bekannt machte. Rasch ging es aufwärts, 2016 war sie bereits die Nummer 7 der Welt. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, wann sie erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnt. Doch manchmal kommt es anders, als man denkt. Bencic verletzte sich, zudem löste sie sich zwischenzeitlich von ihrem Vater Ivan, der sie von Anfang an als Coach betreut hatte. Sie fiel weit zurück. «Auch dafür muss Platz sein», hatte Ivan Bencic vor fünf Jahren in einem Interview auf die Frage geantwortet, wie man mit einer schwierigen Phase umzugehen gedenkt.
Das hat sich bewährt. Bencic ist zurück. Die Liebe mit ihrem Fitnesstrainer Martin Hromkovic scheint sie zusätzlich zu stimulieren. Vater Ivan sitzt wieder als Coach an der Seitenlinie. Bencic ist reifer geworden – und nun tatsächlich bereit für den nächsten Schritt: Wenn sie so weiterspielt, wird sie bei der Vergabe eines Grand-Slam-Titels ein wichtiges Wort mitreden. Schöne Aussichten auch für Swiss Tennis: Denn mit ihren 21 Jahren und der Spielfreude, die sie an den Tag legt, hat Bencic die Zukunft noch vor sich.