Blog: Aus der Tiefe des Raums

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Gute Nachrichten für die Schalker Fans: Gross wird Königsblau wieder gross machen (oder zumindest retten)!

Die Prognose mag auf den ersten Blick mutig klingen angesichts der gigantisch anmutenden Erfolglosigkeit von Schalke 04 im vergangenen Jahr. Aber das Bundesliga-Schlusslicht wird den Turnaround schaffen und nicht absteigen – Christian Gross sei Dank. Erst 13 Runden sind gespielt. Somit sind in 21 Runden noch 63 Punkte bis zum Ende der Meisterschaft zu verteilen, da lassen sich die sechs Punkte Rückstand auf Platz 16, der die Rettung bedeuten könnte, locker aufholen.

Mit Gross erst recht. Dem Schweizer ist das Kunststück zuzutrauen. Er war überall erfolgreich, mit Ausnahme seiner Tätigkeit bei den Young Boys – aber das war noch lange bevor Sportchef Christoph Spycher Gelbschwarz auf die Erfolgsspur führte. Wo Gross wirkte, holte er Meistertitel, machte er die Teams europäisch oder bewahrte er als Feuerwehrmann seine Vereine vor dem Abstieg. Man muss ihm nur vertrauen. Er selber, keine Frage, tut dies. Dazu eine Anekdote: Beim FC Basel verlor er 2001 zum Meisterschaftsauftakt gegen Sion mit 1:8 und musste sich vom späteren FCB-Sportchef Georg Heitz, damals noch Fussballberichterstatter (und mein geschätzter Redaktionskollege), in der «Basler Zeitung» die Frage gefallen lassen: «Herr Gross, sind Sie noch im richtigen Beruf?» Gross fand ja, vertraute weiter auf sich selber und wurde mit dem FC Basel in der gleichen Saison Schweizer Meister – der erste Titel für Rotblau seit 1980!

Bei Schalke muss keine Trophäe her, sondern «nur» das simple Vermeiden des Abstiegs. Christian Gross kann das. Weil es weniger um Taktik geht (nicht dass er da irgendwelche Defizite hätte), sondern vor allem um Psychologie. «Er bringt alles mit, um das Ziel zu erreichen: Aura. Erfahrung. Ruhe. Und er hat eine klare Ansage, das wird der Mannschaft helfen», sagt jener Georg Heitz, der ihm damals die Sinnfrage stellte, auf Anfrage. Gross bewies auch Durchsetzungsvermögen und ein feines Gespür für anspruchsvolle Charaktere wie – um ein paar Namen zu nennen – die Gebrüder Yakin, Jürgen Klinsmann, Jens Lehmann oder Zdravko Kuzmanovic. Das kann auch bei Königsblau nicht schaden.

Das Jahr 2020 war für Schalke zum Vergessen. Die Wahrscheinlichkeit, dass 2021 vieles besser wird, ist Gross.

Das Haar Gottes – der Kult um Maradona in Neapel

2019 war ich für eine Reisereportage auf eigene Faust in Neapel und wandelte dort auch auf den Spuren von Maradona. Dabei begegnete ich einem irren Kult, der in einer Café-Bar um ihn getrieben wird. Nun, da der beste Fussballer aller Zeiten nicht mehr ist, möchte ich den kurzen Text dazu (erschienen in der Coopzeitung) an dieser Stelle nochmals aufleben lassen:

Der preisgekrönte Dokumentarfilm «Diego Maradona» hat den «Fifa-Fussballer des 20. Jahrhunderts» zuletzt auch bei jüngeren Fussballfans, die nicht mehr Zeitzeugen waren, ins Bewusstsein gerückt. Und das ist gut so für einen Besuch in Neapel. Denn Maradona wird am Vesuv auch heute noch wie einem Gott gehuldigt; der Argentinier führte den vorher so serbelnden SSC Neapel in den Achtzigerjahren gleich zweimal zur Meisterschaft. Man kann sich beim Sightseeing einen Spass daraus machen: Wer erspäht an einem Tag am meisten Maradona-Abbildungen? Von grossen Gemälden an Häuserfassaden mit seinem Konterfei bis zu kleinen Maradona-Krippefiguren findet sich die ganze Bandbreite an Heldenverehrungen.

Eine der verrücktesten ist in der Altstadt, nur wenige Schritte vom Duomo di San Gennaro entfernt, zu finden: Bruno Alcidi hat in seiner «Bar Nilo» in der Via San Biagio dei Librai einen Altar errichtet, der Maradona gewidmet ist. Besonders stolz ist der 58-Jährige auf den Inhalt eines durchsichtigen Behälters, der auf dem Schrein steht: Darin befindet sich «il capello di Maradona» – ein Originalhaar des Verehrten. 1990 sei er, erzählt der eingefleischte Fan, nach einer Partie in Mailand zufälligerweise im gleichen Flieger wie die Napoli-Spieler zurückgeflogen. «Natürlich habe ich nur noch auf Maradona geschaut. Beim Verlassen des Flugzeugs kam ich an seinem Sitzplatz vorbei und entdeckte auf der Kopflehne ein Haar von ihm.» Wie eine Trophäe nahm er dieses mit. Seitdem ist das Haar in seiner Bar eine Touristenattraktion – und bringt ihm täglich eine Vielzahl neuer Gäste. Mit ihnen diskutiert Alcidi leidenschaftlich gerne und stellt klar: «Maradona war der Grösste. Basta.»

Ausscheiden verboten!

Die Partie gegen Sofia ist für den FC Basel zweifelsfrei das wichtigste Spiel der Saison. Seit dem Einstieg von Bernhard Burgener waren es die Europacup-Abende, die Rotblau sportlich über Wasser gehalten und die Bilanz für die Verantwortlichen einigermassen erträglich gemacht haben. Als der FCB vor zwei Jahren unter Übungsleiter Marcel Koller gegen Apollon Limassol überraschend ausschied, schrieben die Zeitungen von einem «Trümmerhaufen», vor dem der FCB nun stehe. Tatsächlich folgte eine schwierige Spielzeit mit einer Spieler-Revolte gegen den Trainer sowie dem späteren Rücktritt von Sportdirektor Marco Streller als Tiefpunkten; die Wirren und Zerwürfnisse konnte auch der Cupsieg nicht kaschieren.

Nun ist die Ausgangslage gar komplizierter, die Unruhe im Verein noch grösser – und damit auch der Druck auf alle. Insbesondere Trainer Ciriaco Sforza würde ein Weiterkommen mehr Ruhe verschaffen, nachdem man den Start in die Meisterschaft als verunglückt bezeichnen darf. Ein Sieg würde aber auch die Hoffnung nähren, dass wichtige Spieler wie die Innenverteidiger Alderete und Cömert oder Stürmer Cabral vorderhand beim FCB bleiben. Ohne internationale Partien scheint für sie der Verbleib bei Rotblau eine trostlose Angelegenheit.

Ein Ausscheiden böte überdies den unzufriedenen Fans noch mehr Munition, um gemeinsam gegen die Führungsetage einzustehen. Und schliesslich geht es heute um viel Geld: Die Millionen aus der Europa League kann der FCB dringend gebrauchen. Ohne diese Einnahmen gerät er in einen Teufelskreis: weniger Geld – mehr Spielerabgänge von Qualität – weniger sportlicher Erfolg - mehr Unzufriedenheit in und ausserhalb des Vereins – weniger Geld usw.

Der FCB muss also heute Abend gewinnen. Ohne Wenn und Aber.

Was von Bernhard Burgeners Auftritt im «Sportpanorama» haften bleibt


- Sein Dank an Trainer Marcel Koller «bei dieser Gelegenheit», denn der Zürcher habe einen guten Job gemacht – so gut offenbar, dass die Zusammenarbeit nun unbedingt beendet werden musste.

- Die starke Figur im sportlichen Bereich heisst Percy van Lierop. Dass ihn Burgener im Gespräch mit Moderator Jan Billeter an allererster Stelle nannte, als er von genügend Fachkompetenz beim FCB sprach, nährt den Verdacht, dass der Holländer gar so etwas wie der heimliche Sportchef ist. So ist vermutlich auch zu erklären, dass bis jetzt zwar der neue Trainer da ist, aber noch kein offizieller Sportchef.

- Journalisten sollen, wenn sie etwas erfahren wollen – wo denn auch sonst – direkt ihn, Bernhard Burgener, anrufen. 

- Bis 2017 war Bernhard Burgener der Mann im Hintergrund. Wer mit ihm eines der seltenen Interviews führten durfte, traf auf einen Gesprächspartner, der von einem Thema zum anderen sprang, kaum je einen Satz beendete, weil er bereits wieder bei der nächsten Idee war, die ihm gerade durch den Kopf ging. Burgener gelang es, diese Ideen mit seinen Leuten hinter den Kulissen so zu kanalisieren, dass meist Erfolgsgeschichten darauf wurden. Beim FC Basel ist dies bis jetzt nicht der Fall, wobei die Geschichte noch nicht zu Ende geschrieben ist. Das Spiel ist erst aus, wenn der Schiedsrichter abpfeift – oder Burgener den Bettel hinwirft. Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Obwohl im «Sportpanorama» einmal mehr klar sichtbar war: Bernhard Burgener, der Nachfolger von Sonnenkönig Bernhard Heusler, wäre weiterhin lieber der Mann im Hintergrund.

Marcel Koller hat einen guten Job gemacht

Wenn es um die Bilanz von Marcel Koller geht, dann kann man sich kurz fassen: Auch wenn das letzte Spiel unter ihm, der Cupfinal, verloren ging – Koller hat einen guten Job gemacht. Angesichts der Unruhe im Verein hat er tatsächlich fast schon einen Orden verdient. Der eine oder andere bezeichnete ihn als Langweiler oder mag sich über seine gelinde gesagt sehr zurückhaltende Art geärgert haben. Genau diese äusserlich kühl anmutende Reserviertheit aber brauchte es, um das Feuer auszuhalten, das beim FC Basel unter dem Dach brannte und noch immer brennt. 

Wenn man dem Zürcher einen Vorwurf machen kann, dann jenen, dass er hin und wieder eigentümliche Entscheide bei der Aufstellung traf, die nicht aufgingen. So etwa in der Anfangszeit im Sommer 2018, als er sich auf Zypern arg vercoachte und sein Team gegen Limassol in der Europa League die Segel streichen musste. Er verlor damals bei der Mannschaft abrupt an Ansehen, sodass es wenige Wochen später gar zur Spielerrevolte kam. Umso erstaunlicher, wie er nachher den Tritt fand und bereits in seinem ersten Jahr mit dem Cupsieg den ersten Titel mit dem FCB feiern durfte. Besonders viel Geschick zeigte er, als er Fabian Frei als Captain entmachtete und auf Valentin Stocker setzte. Beide überzeugten in der Folge mit starken Leistungen; dass Frei sich wieder hauptsächlich auf den Fussball konzentrieren sollte, tat ihm gut.

Die diesjährige Saison von Rotblau war in der Europa League, im Cup und mit Abstrichen auch in der Super League ziemlich okay – mit den Abstrichen sind die ärgerlichen Niederlagen gegen die schwächsten Team der Liga gemeint, die den Titel kosteten. Überzeugend auch, wie Koller Spieler wie Campo, Cabral, Petretta oder zuletzt Pululu zu Leistungsträgern machte.

Oft ist es ja so, dass der Wert eines Trainers erst erkannt wird, wenn er wieder weg ist. So wie bei Urs Fischer beispielsweise, der sich ebenfalls dem Vorwurf ausgesetzt sah, dass er sein Team mit Schlafwagenfussball zum doppelten Meistertitel geführt hatte. Als die neue Führung unter Präsident Bernhard Burgener seinen Vertrag nicht mehr verlängerte, Nachfolger Raphael Wicky danach aber deutlich weniger erfolgreich agierte, trauerten viele Anhänger Fischer plötzlich doch wieder nach – der Schlafwagenfussball wurde nun mit zeitlichem Abstand als kompakte, resultatorientierte Taktik gelobt. Zu spät.

Man darf gespannt sein, wie es nun mit Ciriaco Sforza weitergeht; wie auch immer man sich zu ihm stellen mag, eine Chance hat auch er verdient. Dazu an dieser Stelle bald schon mehr. 

Das Spiel ist aus – auch der Sport muss sich dem Corona-Virus beugen

Das Spiel ist aus. Auch der Sport und seine Anhänger, zu denen ich mich ebenfalls zähle, müssen anerkennen, dass es sich nur um eine der schönsten Nebensachen handelt. Deshalb sind alle Meisterschaften und Sportveranstaltungen abzusagen. Alles andere wäre fahrlässig, es geht hier um Wichtigeres. Dieses Herumgewurstle, dass jeder Ort, jede Provinz, jedes Land, jede Gesundheitsbehörde andere Regeln aufstellt, muss aufhören. Nur schon dieses unsägliche Hin und Her vor dem Spiel des FC Basel gegen Eintracht Frankfurt – zuerst das Rückspiel als Geisterpartie in Basel geplant, dann überhaupt kein Spiel, dafür aber das Hinspiel mit Zuschauern in Frankfurt, dann doch keines mit den Fans, sondern nur ein Geisterspiel. Und nun noch die Befürchtung, dass trotzdem eine Vielzahl von Deppen vor dem Stadion aufkreuzt, weil sie den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Die Bilder aus Paris, wo Tausende von Anhängern trotz Corona-Virus vor dem Stadion zusammengepfercht den hoffentlich bald wertlosen Sieg von Paris St. Germain feierten, waren unglaublich peinlich und bestätigen wieder mal das Klischee, dass Hirn und Anstand verloren gehen, wenn der Ball rollt.  

Asche auf mein Haupt – ich war am vergangenen Samstag selber in Freiburg im Schwarzwaldstadion, um über SC Freiburg gegen Union Berlin zu berichten. Ich bereue es mittlerweile. Es war ein Fehler. Ich hätte zu Hause bleiben sollen. 24'000 Zuschauer auf engstem Raum im Stadion und zuvor im ÖV – so wird man dem Coronavirus nicht Herr. Denn die Lage ist dramatisch, man schaue nach Italien – wo alles stillsteht. Möglich, dass auch wir bald so radikal agieren müssen. 

Die Corona-Epidemie wird uns noch längere Zeit beschäftigen: Die Prognose der deutschen Bundesregierung, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung sich mit dem Virus infizieren werden, lässt keinen anderen Schluss zu. Nachdem jetzt auch die ersten Sportler erkrankt sind, rechne ich damit, dass in nächster Zeit alle grösseren Veranstaltungen abgesagt werden. Die Eishockey-WM und die Fussball-EM sind für mich bereits erledigt. Auch die Olympischen Spiele in Tokio stehen auf der Kippe, obwohl es noch vier Monate bis dorthin sind. Bei einer weltweiten Pandemie ist diese Zeitspanne jedoch sehr wenig. Ich finde deshalb, dass IOC-Präsident Thomas Bach besser daran täte, mit den japanischen Organisatoren schleunigst einen Plan B auszuarbeiten, als die Sportler anzuhalten, ganz normal weiterzumachen, als ob nichts geschehen werde. Weltfremder kann man nicht sein! Was beim IOC allerdings keine neue Erkenntnis ist.

Vladimir Petkovic bleibt also mindestens bis Ende 2021 Trainer der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft. Es ist kein Fehler, dass der Fussballverband mit ihm weiterarbeiten will. Falsch ist nur der Zeitpunkt für diese Verlängerung. Man hätte zuerst die Fussball-EM abwarten und einen neuen Vertrag mit Petkovic davon abhängig machen sollen, wie sich die Schweizer Fussballer an der Endrunde präsentieren. Begeistern sie, hat Petkovic die Verlängerung für die nächste WM-Qualifikationsphase redlich verdient. Falls aber nicht, hat man ein Problem. Dann könnte es teuer werden, wenn man sich doch von ihm trennen muss.

Wir erinnern uns: Während die EM vor vier Jahren in Frankreich einigermassen okay war – die Schweiz verlor gegen Polen im Achtelfinal unglücklich durch Penaltyschiessen –, wurde die WM 2018 in Russland zur riesigen Enttäuschung und zum Turnier der verpassten Chance. Mit Angsthasenfussball wollte man den biederen Schweden beikommen und musste stattdessen den grossen Traum vom Viertelfinal begraben; nie wäre es einfacher gewesen, an einer Endrunde endlich mal für Furore zu sorgen. So, wie dies auch anderen Aussenseitern immer wieder gelingt, etwa Griechenland an der EM 2004 (Europameister) oder Wales (Halbfinal) und Island (Viertelfinal) an der EM 2016. Dazu gab es eine riesige Polemik um die Doppeladler-Affäre im Schweizer Team und ein Kommunikations-Debakel mit Vladimir Petkovic, der nach dem Turnier abhaute, ohne sich nochmals zu erklären.

Die Medien schossen in ihren Analysen zur WM scharf gegen den Fussballlehrer. Beispiel NZZ: «Den Schweizern fehlten die Kraft in den Beinen, der Drang im Herzen, die Ideen im Kopf. Ihnen fehlte die Wut im Bauch. Sie siechten der Niederlage in einem eigenartigen Trott entgegen.» Einem Trott, der in etwa dem Temperament entspricht, mit dem sich Petkovic in der Öffentlichkeit jeweils präsentiert: Bei ihm wirkt jedes Interview als lästige Pflichtaufgabe. Der schweizerisch-kroatische Doppelbürger zählt zur Kategorie Trainer, die ihre Arbeit am liebsten im stillen Kämmerlein (in diesem Fall die Kabine) verrichten würden, ohne sich je erklären zu müssen. Dabei gehört eine überzeugende Aussendarstellung ebenfalls zum Jobprofil eines guten Nationaltrainers dazu.

Schliesslich noch ein Wort zum ach so tollen Punkteschnitt, der immer als Argument für Petkovic angeführt wird – auch jetzt bei dieser Vertragsverlängerung. Ja, unter ihm haben die Schweizer einen ansehnlichen Schnitt von 1,87 Punkten pro Spiel ergattert. Man sollte sich allerdings auch mal die Gegner anschauen, gegen die die Schweizer fleissig punkteten. Da hat es so viele schwache Teams wie unter keinem anderen Nationaltrainer. Nämlich Färöer, Andorra, Weissrussland, Panama, Gibraltar, San Marino, Liechtenstein, Estland und andere mehr – einige von ihnen waren übrigens die Schweizer Gegner in den aufgeblähten Qualifikationen. Dass die Schweiz in diesen den Sprung an die Endrunden schafften, war angesichts der eher mediokren Gegnerschaft Pflicht und keine Heldentat.

Deshalb nochmals: Man hätte zuerst abwarten müssen, was die Schweizer Nationalmannschaft unter Vladimir Petkovic an der EM 2020 zeigt – um dann in Ruhe zu entscheiden, wie es mit dem Nationaltrainer weitergeht. Warum nur diese Eile?

Es ist bekannt, dass Dortmund-Trainer Lucien Favre kein Freund von Interviews ist, erst recht nicht von diesen kurzen Frage-Antwort-Spielen unmittelbar nach Schlusspfiff einer Partie. So war auch nichts zu erwarten, als er sich nach dem verlorenen Cupspiel seiner Mannschaft gegen Werder Bremen vor die Kamera stellte. Und tatsächlich: Hilflos stammelte Favre sich durch seine Antworten. Seine Mannschaft habe das Spiel in den ersten 45 Minuten verloren. Sein Team sei schlecht gewesen – vor allem in der ersten Halbzeit. Weshalb das so war, darauf ging er mit keinem Wort ein, und auch der Reporter verpasste es leider nachzufragen.
 Dabei war es offensichtlich: Favre hatte selber einen kapitalen Fehler begangen – er hatte Erling Haaland in der so schwachen ersten Hälfte auf der Bank schmoren lassen. Ein Grund ist nicht zu erkennen, weshalb er dies tat. Vielleicht wollte er dem Jungen damit zeigen, dass er in der Hierarchie der Mannschaft noch nicht oben steht. Dabei ist Haaland ein Geschenk des Himmels, der Fussballgötter. Die halbe Welt war hinter dem 19-Jährigen her, Dortmund aber erhielt den Zuschlag – und in den ersten drei Spielen bewies er ohne Anlaufzeit sofort eindrücklich, dass die Vorschusslorbeeren berechtigt waren. Haaland spielte in jedem Spiel überragend, so überragend, dass er zwingend aufs Feld gehört. Haaland muss immer spielen. Mit ihm ist Dortmund doppelt so gut. Doch der gute Lucien Favre schaffte es nicht, über seinen Schatten zu springen. Und setzte den Norweger auf die Bank. Unverständlich. Denn kaum wurde er eingewechselt, war Dortmund eine ganz andere, viel bessere Mannschaft.
 Es ist ein Rätsel, weshalb Lucien Favre von allen in den Himmel gelobt wird. Auch als Trainer der Schweizer Nationalmannschaft wird er immer wieder gehandelt (auch wenn er jedes Mal selber absagt). Was die kommunikativen Fähigkeiten anbelangt, wäre das allerdings keine Verbesserung gegenüber Vladimir Petkovic, so spröde dieser in der Aussendarstellung auch sein mag. Fakt ist: Favre wurde schon zweimal Trainer des Jahres in der Bundesliga, einen Titel hat er allerdings noch nicht erreicht, ausser mit Dortmund den Supercup, ein Wettbewerb, den man den Hasen geben kann. Mit dem FCZ hatte er Erfolg, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Dafür ziehen sich eigentümliche Personalentscheidungen wie ein roter Faden durch seine Trainerkarriere. Nur ein ausgewähltes Beispiel: Bei Hertha BSC überwarf er sich ausgerechnet mit Marko Pantelic, der im Sturm Alleinunterhalter und fast an allen Toren beteiligt war. Irgendwann hatte Pantelic vom Trainer die Nase voll, er ging zu Ajax – wenig später wurde Favre entlassen. Er hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass die Hertha später abstieg.
 Bei Dortmund schafft er es aktuell nicht, den hochtalentierten Mario Götze zu reintegrieren, Marco Reus und Manuel Akanjii suchen seit längerem nach ihrer Form. Reus fällt nun auch noch aus, was sich aber als Glücksfall herausstellen könnte: Vielleicht bleibt nun Favre nichts anderes übrig, als Haaland von Anfang an zu bringen. Sicher ist das allerdings nicht.

Zu Besuch bei Christian Streich

Es sind acht Jahre, die Christian Streich nun Cheftrainer beim SC Freiburg ist – es fühlt sich jedoch wie einige Ewigkeit an. Okay, da ist noch die Erinnerung an einen, der in grauer Vorzeit am selben Ort ebenfalls ungewöhnlich lange den Chefsessel besetzte, ohne dass dieser einmal ernsthaft wackelte: Die Rede ist von Volker Finke. Er wurde zur Legende, die aber nicht alles überragt, was nach ihm kam – auch weil Christian Streich einen grossartigen Job macht und als amtsältester Bundesligatrainer bereits selber eine lebende Legende ist.
Doch genug der warmen Worte, gehen wir lieber direkt über ins Gespräch mit dem Deutschen, der als Kind gerne nach Basel kam, um sich die Spiele des FC Basel anzuschauen. Ich habe Christian Streich diese Woche in Freiburg getroffen. Hier das Interview:
http://www.awsmedien.ch/christian-streich
Ein Wahnsinns-Jahrzehnt!

Das vergangene Jahrzehnt war ein besonders intensives, was mein Reporterleben anbelangt. Es führte mich auf alle Kontinente dieser Erde, Greta und die nachfolgenden Generationen mögen es mir verzeihen. Eine Vielzahl von Begegnungen und Sportereignissen bleibt in Erinnerung. Spontan fallen mir diese ein:

Simon Ammann hebt ab: Vancouver 2010

Bei Goldmedaillen an Olympischen Spielen live dabei zu sein, ist Glückssache. Mehrheitlich hält man sich ja am falschen Ort auf, beim Gewichtheben, Tontaubenschiessen oder Speerwurf. Umso glücklicher war ich, dass ich wie schon 2002 in Salt Lake City auch 2010 in Vancouver live im Stadion war, als die Flugshow des Toggenburgers alle begeisterte. Bei Olympia 2006 in Turin hingegen hatte ich das Skispringen nicht verfolgt – zu trostlos war die Atmosphäre in Pragelato. Prompt landete «Simi» viel zu früh, auch ihm fehlte das gewisse Etwas in diesem eher tristen Skisprung-Stadion.
In Vancouver antwortete Simon Ammann auf meine Frage, ob er angesichts seiner Flugkünste in seinem früheren Leben ein Vogel gewesen war, dass das durchaus möglich sei. «Nur ein Poulet war ich definitiv nicht, denn das kann nicht fliegen.»

Der FCB zerlegt die AS Roma, Rom 2010 

Ein grossartiger Auftritt des FCB im Stadio Olimpico: Er besiegt in der Champions League die AS Roma mit 3:1. Alex Frei, Inkoom und Cabral sind für die Treffer besorgt. Mindestens so denkwürdig ist die Busfahrt zum Stadion: Roma-Fans bewerfen den Basler Medien-Bus mit Steinen und zerstören eine Scheibe. Tags zuvor hat sich mein Kollege Marcel Rohr, damals noch BaZ-Sportchef, in einem öffentlichen Bus 200 Euro klauen lassen: Das Portemonnaie befand sich zwar auch nach dem Diebstahl weiterhin in seiner Jackentasche, das Geld aber fehlte.

Federer hat kein Erbarmen mit Murray, Wimbledon 2012 

Unglaubliche Atmosphäre in Wimbledon: Im Final zwischen Roger Federer und Andy Murray sind die Sympathien der Fans gleichermassen verteilt, was doch sehr erstaunlich ist – schliesslich könnte der Schotte Andy Murray als erster Brite seit über 70 Jahren endlich den Titel gewinnen. Doch Federer macht ihm einen Strich durch die Rechnung und gewinnt in vier hochklassigen Sätzen. Murray vergiesst bittere Tränen, die spätestens vier Wochen später getrocknet sind: Dann besiegt er im Olympia-Final an selber Stätte den gleichen Gegner klar und deutlich.

Ein Russe hält sich dort auf, wo er eigentlich gar nicht sein dürfte, Zürich 2014 

Der Russe Victor Chegin steht an der Leichtathletik-EM 2014 in Zürich in der Betreuerzone, obwohl er dort eigentlich gar nicht sein dürfte. Über 20 seiner Schützlinge in der Disziplin Gehen wurden in den Jahren zuvor nämlich der Einnahme unerlaubter Mittel überführt; darunter hatte es Olympiasieger, Weltmeister, Europameister. Schliesslich wurde Chegin auf Druck des Internationalen Leichtathletikverbandes vom russischen Verband aus dem Betreuerstab verbannt, allerdings nur pro forma. Denn in Zürich coacht er munter weiter, ohne Akkreditierung wird er in der Athletenzone gesichtet. Seine Schützlinge holen Medaillen zuhauf. Es ist ein Vorgeschmack auf die späteren Dopingskandale, die im Zusammenhang mit Russland ans Licht kommen.

Federer vs. Wawrinka, London 2014

Ich bin zwar nicht vor Ort, unvergesslich bleibt dieses Spiel trotzdem: Im Halbfinal der ATP World Tour Finals bekriegen sich Roger Federer und Stan Wawrinka, als wären sie nie Freunde gewesen. Am Ende gewinnt Federer, muss am nächsten Tag jedoch für das Endspiel forfait erklären. Nun beginnt das grosse Zittern: Ist er bis zum Davis-Cup-Final, den er eine Woche später ausgerechnet mit Stan bestreitet, wieder fit? Die Antwort lautet ja. In einem lahmen Final gewinnen die Schweizer problemlos. Die grossen Emotionen aber gab es eine Woche zuvor.

http://www.awsmedien.ch/blog/als-federer-vor-wut-bebte 

Eren Derdiyok kehrt zurück, Istanbul 2015

Ich besuche Eren Derdiyok in Istanbul, als er in Diensten von Kasimpasa steht. Bis es soweit ist, muss ich stundenlang in einem Taxi ausharren, das sich durch den Verkehrsstau quält. Bei Ankunft im vereinbarten Restaurant rund vier (!) Stunden zu spät ist der Basler natürlich schon längst weg und ich mit den Nerven am Ende. Ich schreibe ihm eine SMS, dass ich nun endlich da sei. Und, oh Wunder, Derdiyok kommt zurück – nicht selbstverständlich für einen Fussballprofi. Unvergesslich!

http://www.awsmedien.ch/eren-derdiyok-in-istanbul

Mit Martina Hingis beim Frühstück und Angelique Kerber im Wasser, Melbourne 2016

http://www.awsmedien.ch/martina-hingis

http://www.awsmedien.ch/crocodile-andee-your-baby-is-on-the-way

Gjergjaj im Ringstaub, London 2016

Für den Autor dieser Zeilen vielleicht das emotionalste Sporterlebnis im vergangenen Jahrzehnt. Tiefer und schmerzvoller kann ein Sportler nicht fallen.

http://www.awsmedien.ch/blog/nai-nai-nai-erinnerungen-an-gjergjajs-kampf-in-der-o2-arena

Eine kurze Begegnung mit Helo Pinheiro, Rio de Janeiro 2016

Gerade an Grossereignissen wie den Olympischen Spielen sind es die kleinen Randgeschichten, die in Erinnerung bleiben. So wie 2016 in Rio, wo ich beim Fackellauf Helo Pinheiro aufgelauert habe, um sie nach Erfüllung ihres Parts anzusprechen (siehe auch Bild oben):

http://www.awsmedien.ch/helo-pinheiro-in-rio

Ueli Steck in der Kletterhalle, Ostermundigen 2017

Zwei Monate, bevor Ueli Steck viel zu früh stirbt, treffe ich ihn zum Interview in der Kletterhalle Ostermundigen. Er wirkt sehr nachdenklich und spricht mehrmals über das, was einem Kletterer zustossen könnte: «Als Bergsteiger brauchst du auch Glück.» Ueli Steck hatte es nicht, denn am 30. April 2017 stürzt er ab.
http://www.awsmedien.ch/ueli-steck-märz-2017

Roger Federer im Training, Paris 2019

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Am French Open besuche ich das Training von Roger Federer. Der Zutritt ist Journalisten erlaubt. Wollen sie allerdings mit einem Spieler sprechen, müssen sie das zuvor beim Empfang anmelden; eine Garantie, dass der Spieler dann auch wirklich zur Verfügung steht, gibt es nicht. Bei den grossen Stars kann man es vergessen, dafür gibt es die Pressekonferenzen.
Federer trainiert mit Kei Nishikori. Nach der Übungssession grüsst mich RF. Wir smalltalken ein bisschen, schliesslich nutze ich die Gelegenheit dazu, ihm eine Frage zu Michael Chang zu stellen;  zu dessen sensationellem Sieg vor 30 Jahren möchte ich nämlich einen Artikel schreiben. Gegen ihn hat er noch gespielt, ein paar Minuten zuvor haben die beiden sich ausgetauscht, denn Chang ist der Coach von Nishikori. Federer erinnert sich sofort an das eine oder andere Spiel und erzählt, dass ihre Kinder manchmal miteinander spielen würden. Irgendwann spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter tippt, es ist ein Sicherheitsmann: «Sie dürfen nicht mit ihm sprechen.»

«Aber...»

«Es ist verboten!»

Federer hebt die Hand: «Kein Problem, wir kennen uns.»

Dann spricht er weiter über Chang.
Als ich später das Trainingsgelände verlassen will, eilt der Sicherheitsmann heran. «Sie hätten ihn nicht ansprechen dürfen!»

«Aber er hat mich angesprochen.»

«Das kann jeder sagen.»

«Wir kommen beide aus Basel und kennen uns seit 20 Jahren.»

«Mir egal. Das nächste Mal fliegen Sie raus!»
http://www.awsmedien.ch/michael-chang-30-jahre-nach-seinem-triumph


Die FCB-Mannschaft des Jahrzehnts (2010 bis heute)

Es ist natürlich nur eine Spielerei, aber genau deswegen auch ein grosser Spass: Das Ausknobeln, wer beim FC Basel in die Mannschaft dieses Jahrzehnts, das sich dem Ende zuneigt, hineingehört. Schnell wird klar: Vor allem offensiv gibt es ein Überangebot an grossartigen Spielern. Weshalb zum Beispiel ein Granit Xhaka oder der sehr konstante Luca Zuffi es nur auf die Ersatzbank schaffen. Überhaupt muss man ein bisschen kreativ sein und vereinzelt Spieler auch auf Positionen schieben, auf denen sie eher selten oder gar nicht auflaufen. Beispielsweise Breel Embolo auf der Achterposition – dort wäre er meiner Meinung dank seiner grossen Wasserverdrängung und gleichzeitig exzellenten Spielübersicht sehr gut aufgehoben. In Juniorenzeiten spielte er oft auf dieser Position. «Pogba oder Drogba?» lautete die Frage, die sein zeitweiliger Betreuer Carlos Bernegger stellte. Spätere Trainer haben sich dann mehrheitlich dafür entschieden, dass er ganz vorne spielt.

Überraschen mag meine Wahl von Jonas Omlin als Torhüter. Aber wie im letzten Blogbeitrag vom 8. Dezember zu lesen war, ist er für mich der beste FCB-Goalie seit langem, besser gar als Yann Sommer und Franco Costanzo.

Berücksichtigt wurden in der Auswahl nur die Leistungen der Spieler und nicht der Kultfaktor. Deshalb schafft es beispielsweise Markus Steinhöfer nicht ins Jahrzehnte-Team. Scott Chipperfield spielte auch noch in diesem Jahrzehnt, aber da war seine Zeit schon vorbei. In die FCB-Mannschaft von 2000 bis 2009 hätte er es jedoch problemlos geschafft, eventuell gar in die rotblaue Auswahl der besten Spieler aller Zeiten. Natürlich ist auch Valentin Stocker eine Diskussion wert, aber das Gedränge vorne ist eben sehr gross. Deshalb findet er sich auf der Bank wieder, immerhin.

Trainer des Jahrzehnts sind für mich Murat Yakin, mit dem der FCB es in den Halbfinal der Europa League schaffte, sowie Urs Fischer, dessen Wert man derzeit bei seiner Arbeit in Diensten von Union Berlin bewundern kann. Thorsten Fink hingegen ist nur Ersatz. Sein Fussball war zwar spektakulär, seine Loyalität zum FCB hingegen spektakulär klein. Sonst wäre er nicht mitten in der Saison zum HSV abgehauen.

Jonas Omlin ist der beste FCB-Goalie seit langem!

Ein bisschen unüberlegt, ich gebs zu, war meine Aussage zu Jonas Omlin in der «Soccer Lounge» auf Sportal HD. Auf die Frage von Moderator Mämä Sykora, ob Luganos Goalie Noam Baumann und FCB-Torhüter Jonas Omlin gleich gut seien, antwortete ich sinngemäss: «Das kann man so sagen (…), wobei bei Omlin die Gefahr besteht, dass er bald weg ist.»

Diese Gefahr ist tatsächlich real – und zwar weil der FCB-Goalie der mit Abstand beste Torhüter der Super League ist. Besser auch als Noam Baumann (damit revidiere ich meine Aussage in der Sendung), auch wenn der seine Sache in dieser Saison sehr gut macht.

Ich gehe sogar noch einen Schritt und behaupte – dieses Mal nicht unüberlegt –, dass Omlin der beste aller Goalies ist, die in den letzten zwei Jahrzehnten das rotblaue Trikot getragen haben. Yann Sommer war super, ein Publikumsliebling und nun bei Gladbach ein so sicherer Wert, dass sein Vertrag soeben bis 2023 verlängert wurde. Franco Costanzo war auf der Linie sensationell stark und Pascal Zuberbühler vor allem in seiner Ausstrahlung für die gegnerischen Stürmer furchteinflössend. Auch in guter Erinnerung: Tomas Vaclik, der nun bei Sevilla Stammgoalie ist.

Der FCB durfte und darf sich also glücklich schätzen, dass er sich hinten jederzeit auf seinen Torhüter verlassen konnte und kann. Jonas Omlin aber ist der Beste von allen: reflexstark auf der Linie, überzeugend bei hohen Bällen und mit gutem Auge und genügend Zielgenauigkeit mit Füssen und Händen für ein konstruktives und schnelles Aufbauspiel: Man achte darauf, wie schnell er jeweils den Gegenangriff auslöst.

«Transfermarkt.ch» gibt seinen Wert derzeit mit 6 Millionen Franken an – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was eine Mannschaft mit ihm erhält. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Der FCB täte gut daran, vorzeitig mit ihm zu verlängern! 

Hier geht’s zur Soccer Lounge auf Sportal HD:

https://sportalhd.com/all/grid/EGaBISgY/lEkUx0ld

Option einlösen und Zhegrova kaufen!

Edon Zhegrova hatte es zu Beginn beim FC Basel schwer: Er sei zu verspielt, wurde ihm von den Kritikern nach den paar Minuten, die er spielen durfte, vorgeworfen. Er dribble zu viel und verpasse den richtigen Moment für den Pass an den Mitspieler – wenn er denn überhaupt abspiele. In den letzten Wochen durfte er nun öfter und länger zeigen, was in ihm steckt. Und das ist viel. Der 20-Jährige bringt viel Schwung ins Spiel der Basler, mit seinen Dribblings, mit seiner Lust, immer etwas Besonderes zu versuchen. Gut, wenn ihn Trainer Marcel Koller in diesen Fähigkeiten bestärkt. Zhegrova soll dribbeln, bis den Gegnern die Ohren wackeln. Er ist einer, der den Unterschied ausmacht. 

Deshalb sollten die Transferverantwortlichen die Option ziehen und Zhegrova unbedingt definitiv von Genk übernehmen. Der Kosovare wird dem FCB noch viel Freude bereiten, das Publikum liebt Spieler, die nicht 08/15 sind – und mit ihm könnte man später einmal richtig viel Geld verdienen.

 

Drei Bemerkungen zum ziemlich verrückten Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Manchester United:
1. Das war kein Penalty! PSG-Verteidiger Presnel Kimpembe dreht sich beim Schuss von Diogo Dalot um – der Ball fliegt ihm an die Hand, als er schon rückwärts zum Ball in der Luft abhebt. Die Regel aber besagt, dass die Hand absichtlich zum Ball muss, damit es Elfmeter gibt: «Hand to ball». Wie soll das möglich sein, wenn sich der Spieler abgedreht hat?
2. Ich habe grössten Respekt vor Gianluigi Buffon (41) – und kaum etwas finde ich penibler als die Altersfrage (Beispiel Federer). Aber: Buffon bringts nicht mehr. Um die Champions League zu gewinnen, braucht es auch ganz hinten das gewisse Extra und sicher nicht ein halbes Eigentor, wie es ihm unterlaufen ist.
3. Thiago Silva ist ein armes Schwein: Schon wieder so ein Match, in dem seine Mannschaft am Ende wie paralysiert auf dem Feld steht: Okay, beim 1:7 gegen Deutschland an der WM 2014 stand er wegen einer Sperre nicht auf dem Feld, schlimm genug, ja ein Alptraum waren die 90 Minuten auch so. Und nun dieses absolut nicht zu erwartende Aus gegen ManU: Entsprechend geschockt wirkte er beim Interview nach dem Spiel. 

Gestern schrieb ich an dieser Stelle: Fabian Schär muss immer, immer spielen. Gut, dass er dies gestern dann auch durfte, wie man gesehen hat...! Heute muss ein anderer unbedingt spielen: Noah Okafor. Er lieferte letzten Samstag gegen Neuchâtel Xamax einen überragenden Match ab. Okafor gehört in die Startaufstellung im heutigen Cup-Match gegen Sion (20.30 Uhr). Was wäre das für ein Signal, wenn er nach so einer Leistung auf der Bank Platz nehmen müsste? Und: Das Momentum ist im Fussball wichtig. Darauf muss ein Trainer achten. Es gibt viele Beispiele, bei denen ein Trainer das Momentum überhaupt nicht berücksichtigte – und man sich als Aussenstehender nur an den Kopf greifen konnte. Bis heute nicht vergessen habe ich, wie Köbi Kuhn Valentin Stocker nicht für die Heim-EM 2008 berücksichtigte, obwohl der Stürmer beim FCB überragend spielte. Aber Stocker war damals erst 19 Jahre alt. Und noch nicht etabliert. Das gewichtete Köbi Kuhn höher als das Momentum; an der EM sah man dann, dass Stocker sicher ein Gewinn gewesen wäre – so lahm und zahm, wie sich die Schweizer Offensive damals präsentierte.
Besagter Stocker könnte übrigens heute Abend zum Einsatz kommen. Ausgerechnet für Okafor. Allerdings kann auch Stocker das Momentum für sich reklamieren: Gegen Xamax traf er nach langer Durststrecke endlich wieder einmal. Wäre ich Trainer, würde ich mich trotzdem für Noah Okafor entscheiden.

Spektakel-Schär

Es ist eine Wohltat, dass es Fabian Schär bei Newcastle so gut läuft. Ich konnte nie verstehen, weshalb er immer wieder so hart kritisiert wurde. Okay, hin und wieder beging er in der Defensive einen gröberen Bock. Oft aber auch nur deshalb, weil er etwas riskiert. Schär ist vieles, aber sicher kein Langweiler, er steht für Spektakel, er prescht gerne nach vorne, er sucht das riskante Zuspiel – Spieler wie er sind mir tausend Mal lieber als diese Querpass-Heinis, die auch bei einem 0:1-Rückstand in der 89. Minute partout das Risiko vermeiden als nochmals etwas zu versuchen. Schär muss immer, immer spielen!