Basler Zeitung
– 19. März 2020


Leichtathletik Alex Wilson weilt derzeit im Trainingslager in Florida. Im Interview erklärt der schnellste Schweizer Sprinter, wie sich das Coronavirus auf seinen Alltag auswirkt und über was er sich besonders ärgert.

Andreas W. Schmid

Alex Wilson, wie beeinflusst das Coronavirus Ihren Alltag im Trainingslager in Orlando?

Wir trainieren hart, wissen aber nicht mehr so richtig, für was. Jetzt hätten hier die ersten Vor-Saison-Wettkämpfe stattfinden sollen. Doch sie wurden bereits alle abgesagt. Okay, es sind noch ein paar Monate hin bis zu den Höhepunkten des Jahres. Die Olympischen Spiele in Tokio beginnen Ende Juli, die Europameisterschaften in Paris einen Monat später. Aber wir fragen uns schon: Ist bis dann wieder alles gut? Finden diese Wettkämpfe überhaupt statt?

Gehen Sie noch in die Stadt?

Nicht mehr gross. Am Sonntag belohnen wir uns für die harte Arbeit und gehen zusammen an den Strand. Nun bleiben wir zu Hause. Entweder wir sind in unseren Unterkünften. Oder im Auto. Oder auf dem Trainingsgelände. Dieses ist abgesperrt, ausser uns kann dort niemand rein. Gleich in der Nähe ist Disney World, der Vergnügungspark. Nun ist er wegen des Notstands geschlossen. Es wirkt alles so gespenstisch.

Wie informieren Sie sich?

Ich schaue Fernsehen. Und ich lese online «20 Minuten». Als ich Mitte Februar hierherkam, war Corona noch kein Thema. Zwar wurde die Hallen-WM in Nanjing abgesagt. Und ich sah die Bilder von Wuhan, wo alles abgesperrt war. Aber Sie wissen ja, wie das ist: China ist weit weg, man nimmt es trotzdem nicht so ernst. Europa wurde bis jetzt von diesen Dingen verschont. Bei Ebola oder Sars war es auch so. Erst als ich dann hörte, dass in Basel sogar die Fasnacht abgesagt wurde, wusste ich: Da kommt etwas auf uns zu. Trotzdem hofft man, dass es doch nicht so schlimm wird.

Schlägt Ihnen das Ganze auf die Moral?

Ich versuche mich zu informieren, ich will aber auch nicht nur am Handy hängen. Sonst machst du dich nur kaputt. Es steht so viel «Schissdräck» drin. Mein Hauptjob ist es jetzt, hart zu trainieren. Damit ich bereit bin, wenn es im Sommer doch noch losgeht. Am meisten beschäftigt mich, wann ich meine Familie wiedersehe. Geplant war, dass ich Anfang April für ein paar Tage zu ihr ins Elsass, wo wir wohnen, zurückkehre. Das ist jetzt aber höchst unsicher. Verlasse ich die USA, wars das mit dem Trainingslager in Florida.

Was sagt Ihre Frau?

Es ist natürlich nicht einfach für sie. Man darf in Frankreich ja nicht mehr die Wohnung verlassen. Zum Glück haben wir noch grosse Vorräte eingekauft, bevor ich wegging. Aber nicht wegen Corona, sondern damit sie nicht zu viel schleppen muss. Natürlich wäre ich in dieser Situation gerne bei ihr. Aber das ist halt mein Job. Ich bin Sprinter, ich muss trainieren. Es war alles perfekt geplant mit dem Trainingslager hier in Orlando und dem Abstecher zwischendurch nach Europa.

Glauben Sie, dass die Olympischen Spiele stattfinden?

Ja, ich glaube noch daran. Vielleicht helfen die heissen Monate im Kampf gegen das Virus. Der japanische Premierminister hat gesagt, dass sie stattfinden. Wie viel kosten diese Spiele? Ich habe gehört 27 Milliarden Franken. So viel Geld wirft man nicht einfach aus dem Fenster. Auch deshalb glaube ich, dass sie alles daransetzen werden, dass die Spiele stattfinden. Vielleicht werden sie auch um ein paar Monate verschoben. Beeinflussen können wir das nicht, wir Athleten sowieso nicht. Wir sind die Letzten, die etwas zu sagen haben. Wir müssen einfach dort sein, wo sie uns hinbestellen.

Was, wenn die Spiele ganz abgesagt werden?

Dann wäre ich riesig enttäuscht, weil die Spiele meilenweit über allem stehen. Eine Medaille an Olympia ist zehnmal so viel wert wie eine EM-Medaille. Vom Sportlichen her, aber auch finanziell. Ich würde also auch Geld verlieren. Es reden alle über die Spiele in Tokio, aber kein Mensch über die EM in Paris. Das zeigt schon alles. (längere Pause) Aber auch wenn Tokio 2020 wirklich ins Wasser fällt – das Leben geht trotzdem weiter. Und die Gesundheit der Menschen geht vor.

Haben Sie etwas von Swiss Olympic gehört?

Ich habe ein paar Mails erhalten. Die habe ich jedoch nur überflogen. Natürlich ging es dabei auch um Corona und dass in der Schweiz alle Sportstätten geschlossen sind. Dass ein normales Training gar nicht möglich ist und alle Wettkämpfe ausfallen. Aber wie gesagt: Ich möchte gar nicht zu viel wissen. Mich interessiert vor allem: Wo muss ich wann erscheinen, um zu laufen? Wenn mich etwas beschäftigt, dann etwas anderes.

Was?

Gerade gestern habe ich mich mit einem Trainingskollegen darüber unterhalten, und wir waren uns einig: Jetzt ist die Stunde der Doper gekommen. Die laden sich jetzt mit ihrem Zeugs voll.

Und die Dopingkontrollen?

Jetzt will doch niemand kontrollieren. Oder würden Sie in der jetzigen Situation zu jemandem nach Hause kontrollieren gehen? Seit ich hier in Orlando bin, wurde ich noch nie kontrolliert, obwohl sie jederzeit darüber informiert sind, wo ich mich aufhalte. Das ist doch traurig! Und ein riesiger Rückschritt.

Wie sind Sie eigentlich in Form?

Schade, dass am nächsten Wochenende der erste Test abgesagt worden ist. Ich wäre über 200 und 400 Meter gelaufen. Aber bis jetzt lief alles nach Plan, ich fühle mich super. Im Training war ich schneller als letztes Jahr.

Welche Zeiten peilen Sie demzufolge an?

Ich möchte dort anknüpfen, wo ich letztes Jahr meinen besten Wettkampf hatte. In La Chauxde-Fonds lief ich mit 10,08 Sekunden über 100 Meter und 19,98 über 200 Meter Schweizer Rekord. Am selben Tag verletzte ich mich. Wäre das nicht passiert, hätte ich noch schnellere Zeiten laufen können. Nun möchte ich das diese Saison nachholen.