Blog: Aus der Tiefe des Raums

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Arthur Cabral muss bleiben!

Der allgemeine Tenor lautet, dass Arthur Cabral bei einem guten Angebot eines ausländischen Clubs weg ist. Doch was ist ein gutes Angebot? Dazu ein paar Überlegungen. Der FC Basel soll im Sommer 2020 für die Übernahme des Goalgetters 4,4 Millionen Euro an Palmeiras Sao Paulo überwiesen haben. Der Deal sieht für den brasilianischen Club eine Weiterverkaufsbeteiligung von – je nach Quelle – 30 oder 50 Prozent auf den Erlös vor, der die bezahlten 4,4 Millionen Euro der Basler übersteigt. Da kann man schnell ausrechnen, dass bei den kolportierten 12 Millionen, die für Cabral verlangt werden, gar nicht mehr soviel an Gewinn übrigbleibt – erst recht nicht, wenn die Variante mit den 50 Prozent Weiterverkaufsbeteiligung stimmt. 

Natürlich ist der FC Basel aufgrund seines strukturierten Defizits um jeden zusätzlichen Franken froh. Trotzdem muss man sich fragen, ob es richtig wäre, ihn für diesen Betrag abzugeben. Nehmen wir an, die oben erwähnte 30-Prozent-Variante entspricht der Wahrheit, dann ergibt das einen Gewinn von 6,6 Millionen Franken Euro. Ein nettes Sümmchen, aber trotzdem viel zu wenig für einen Stürmer, der für Rotblau in 80 Spielen sagenhafte 60 Tore erzielt hat – und das, obwohl die vergangene Saison ziemlich durchzogen war und Cabral in einigen Spielen äusserst lustlos agierte.  

Sein Nachfolger ist auch nicht kostenlos zu haben. Georgios Giakoumakis vom VVV Venlo beispielsweise, an dem die Basler gerüchteweise Interesse bekunden, kostet mindestens 2,5 Millionen Euro – was den Transfergewinn für Cabral deutlich schmälern würde. Zudem ist nicht garantiert, dass er beim FCB auch so treffsicher agiert wie derzeit beim holländischen Club, der trotz der vielen Tore Giakoumakis’ absteigen musste. 

Bei Arthur Cabral weiss man, was man hat. Er zählt zu den Publikumslieblingen, hat sich gut eingelebt und ein hohes Standing bei Vorgesetzten und Mitspielern. Mit ihm scheint sportlich vieles möglich – sowohl national als auch international. Erfolg wiederum spült Geld in die Kasse und zwar nicht zu knapp. Für das Erreichen der Gruppenphase der Conference League würde der FCB fast drei Millionen Euro erhalten. Für jeden Punkt in der Gruppenphase gibts 0,17 Millionen, für den Gruppensieg nochmals 0,65 Millionen Euro. Das läppert sich. Und – träumen ist erlaubt – der Gewinn der Conference League stünde nochmals mit satten 5 Millionen Euro zu Buche, zuzüglich nationale TV-Einnahmen und Gelder aus dem Koeffizienten-Pool. 

Der erneuerte FCB unter David Degen ist gut gestartet, da wäre es schade, die noch frische Euphorie schon wieder zu bremsen. Ich bin deshalb klar dafür, dass man Arthur Cabral diese Saison beim FCB behält – er hat hier noch lange nicht fertig. Wenn man den Torgaranten aber wirklich weiterverkaufen will (oder muss), dann für deutlich mehr als «bloss» 12 Millionen Euro.

Tipp 5: Retouchen am Kader sind nötig!

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Dafür muss man aber zuerst benennen, wo die Probleme liegen und wo nicht. Das wollen wir hier tun – mit der nächsten Folge der grossen FCB-Analyse.

5.     Das Kader, die Spieler 

 «Es gibt nichts dazwischen, du bist entweder gut oder schlecht», sagte einst Gary Lineker, Erfinder zahlreicher kreativer Fussballerweisheiten, «wir waren heute so mittel.» Die Spieler des FCB waren in dieser Saison einige Male mittel, manchmal auch richtig schlecht und kaum einmal gut. Alleine verantwortlich sind sie dafür nicht, auch wenn sie auf dem Platz stehen und nicht der Trainer, der Präsident oder das Sportchef-Gremium. Es lief von Anfang an nicht optimal, und irgendwann geriet die Mannschaft in einen Abwärtsstrudel, in den jeder mit hineingerissen wurde. Ausser Goalie Heinz Lindner und vielleicht noch Afimico Pululu hat kein einziger Akteur im rotblauen Dress seine normale Leistung abrufen können. Es handelt sich um ein Kollektivversagen auf dem Rasen, für das aber der einzelne Spieler nicht verantwortlich gemacht werden kann. Er selber spielt ja nicht absichtlich schwach, sondern etwas verunmöglicht es ihm zu zeigen, was er draufhat. Das kann viele Ursachen haben, die aufeinander einwirken und sich so kumulieren, dass jeder Spieler von der Negativspirale mitgerissen wird. Und das macht es schwierig für die Verantwortlichen: An welchen Stellschrauben muss gedreht werden, damit es wieder läuft? Noch schwieriger wird es, wenn sie selber der Hauptgrund sind…

Der FC Basel hat ein Team, das fähig sein müsste, bessere Leistungen abzurufen. Er hat hoffnungsvolle Junge und erfahrene, verdienstvolle Routiniers, die mehr draufhaben, als sie dieses Jahr zeigen. Beispiel Valentin Stocker. Letzte Saison hat er wettbewerbsübergreifend 27 Skorerpunkte erzielt, ein Spitzenwert. Er hat oft den Unterschied ausgemacht. Diese Saison hat er genauso Mühe wie seine Mitstreiter, am augenfälligsten und treffsichersten ist der Captain am Mikrofon. Nun wurde er für eine Woche in die Ferien geschickt. Was das für nächste Saison bedeutet, wird zu sehen sein. Über die letzten Jahre hinweg war er einer der Leistungsträger beim FCB, sein Verlust wiegt schwer.

Oder Fabian Frei: Letzte Saison noch für 30 Tore und Vorlagen verantwortlich, sind es in der laufenden Spielzeit mickrige zwei Pünktchen –und das in 24 Spielen! Es kann mir niemand sagen, dass dieser Leistungsabfall von Stocker und Frei innert so kurzer Zeit mit ihrem fortgeschrittenen Alter zu tun hat, wie immer wieder zu hören ist. Edon Zhegrova war unter Marcel Koller am Ball zeitweise überragend, unter Ciriaco Sforza ist er überragend schlecht. Auch Eray Cömert ist klar schwächer als im Vorjahr. Silvan Widmer hat sich unter Sforzas Vorgänger fix in die Nationalmannschaft gespielt und dort gegen Deutschland gross aufgetrumpft. Diese Saison ist er dem FCB keine Hilfe, nun hat er auch noch Verletzungspech.

Und so weiter. Das muss zu denken geben. Im Hinblick auf nächste Saison sind Retouchen nötig. Verabschieden muss sich der FCB von Aldo Kalulu (nicht Super-League-würdig), Ricky van Wolfswinkel (nach seiner Verletzung nicht mehr der Alte), Andrea Padula (siehe Kalulu), Amir Abrashi (total unnötige Ausleihe), Jasper van der Werff (soll sich anderswo an die Super League herantasten), Jorge (kann dem FCB nach seiner schweren Verletzung kaum helfen). Wackelkandidaten sind Raoul Petretta (stagnierte zuletzt), Luca Zuffi (in den ersten Spielen seit dem Comeback sehr, sehr unauffällig) und Albian Hajdari (das reicht ebenfalls noch nicht für die Super League). Sie sollen die verbleibende Spielzeit dazu nützen, einen Verbleib beim FCB zu rechtfertigen. Timm Klose würde ich behalten: Er ist eine Identifikationsfigur. Er kommt in den Bewertungen zu oft schlecht weg. Zwei, drei Mal war zwar auch er richtig schlecht. Es ist aber davon auszugehen, dass er wieder besser aussieht, wenn das Defensivverhalten der ganzen Mannschaft wie gewünscht funktioniert. Darian Males hat bis jetzt erst zwei Teileinsätze bestritten; eine Bewertung wäre noch zu früh, auch wenn sein Startelf-Einsatz gegen St. Gallen nicht gerade erbaulich war. Am ehesten weggekauft werden in nächster Zeit wohl Eray Cömert und Silvan Widmer – ansonsten ist da niemand im Kader, der sich nach diesen miserablen Darbietungen auf den Notizzetteln der Scouts zwingend aufdrängt.

Es ist also damit zu rechnen, dass das Kader nächste Saison ziemlich anders aussehen wird. Das Leistungsprinzip und die Perspektive müssen bei den Transfers über allem stehen, die Young Boys machen es vor. Vor allem auf den Aussenpositionen muss etwas gehen. Aber auch vorne im Sturm; es darf nicht alles von Arthur Cabral abhängen. Für seine Leistungen ist es ohnehin besser, wenn er sich gegenüber einem Konkurrenten beweisen muss – so wie in der letzten Saison, als Kemal Ademi Druck machte.

Tipp 4 zum Mittwoch: Ein Sportchef muss her!

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, zumindest ist es einen Versuch wert – mit einem täglichen Tipp. 

4.     Der Sportchef 

Der FCB braucht einen Sportchef – und muss den Namen des Verantwortlichen klar und sauber kommunizieren. Derzeit soll ja ein Gremium für diesen Posten verantwortlich zeichnen. Nebst Inhaber Bernhard Burgener selber wirken auch Roland Heri (CEO), Alexander Staehelin (Leiter Strategie und Entwicklung), Ruedi Zbinden (Chefscout), Philipp Kaufmann (Sportkoordinator), Percy van Lierop (Nachwuchschef) sowie Ciriaco Sforza (Coach) mit. In Medienberichten ist auch noch von externen Beratern die Rede, die im ganzen Entscheidungsprozess mitmischen sollen. Das sind viele Köche, die da im Brei herumrühren, und genau so wenig kohärent kommen denn auch die Transfers daher, die der FCB in dieser Saison tätigte. 

Man kann erfolgreich sein ohne Sportchef, der FCB hat dies bewiesen, als Christian Gross Trainer war. Gross duldete niemanden neben sich, sondern füllte das Machtzentrum beim FCB alleine aus; erst als er gehen musste, war der Weg für Georg Heitz als Sportchef frei. Ciriaco Sforza aber ist nicht Christian Gross – und was man über seine Zeit bei den Grasshoppers so hört, soll es ihn überfordert haben, dass er auch noch bei den Transfers mitwirken musste. Man tut ihm also keinen Gefallen, wenn man das auch beim FCB von ihm verlangt. Viel mehr gedient wäre ihm, wenn er einen guten Sportchef zur Seite hätte. Einer, der nach aussen diskret wirkt und sich nicht jedes Mal vors Mikrofon stellen muss, der nach innen aber über ein hohes Mass an Glaubwürdigkeit und Sozialkompetenz verfügt. Georg Heitz war beim FCB rund um die Uhr erreichbar und für alle Spieler und jedes Problem da. Als Serey Die wegen eines Streites mit Paulo Sousa die Kabine verlassen sollte, sich aber weigerte, war es Georg Heitz, der gerufen wurde. «Jetzt gehe ich», sagte Serey Die zu Sousa und zeigte auf Heitz, «weil vor ihm habe ich Respekt, vor dir hingegen nicht.»  Heitz, mit dem ich zuvor vier Jahre lang bei der BaZ zusammen gearbeitet hatte, war von der Arbeitswut her ein Wahnsinniger, der unglaublich viel – auch Probleme – wegschaufelte, so aber auch jederzeit alle Fäden in der Hand hielt.  

Die Aufgaben eines Sportchefs sind denn auch äusserst umfangreich, sie gehen weit über jene eines Troubleshooters hinaus. Der Sportchef ist für den Spielerkauf und -verkauf zuständig, aber auch für die Führung Trainerstaff, Scoutingabteilung und Medical-Team, die Koordination 1. Mannschaft/Nachwuchs, das Vertragsmanagement (Wann mit wem zu welchen Konditionen verlängern?), die Pflege Netzwerk zu Agenten und Clubs sowie den Kontakt zu Verbänden und Nationaltrainern. Das ist ein Fulltime-Job, der schnell einmal zu einem Burnout führen kann, wie sowohl Alex Frei als auch Marco Streller erfahren mussten. 

Wenn Bernhard Burgener also richtig investieren will, dann sollte er es als Nächstes nicht in einen Spieler, sondern in einen guten Sportchef tun. Sonst könnte es im schlimmsten Fall so kommen wie beim FC Zürich. In der Euphorie des Cupsiegs sagte dessen Präsident Ancillo Canepa 2014, dass man keinen Sportchef mehr benötige, «es läuft ja gut». Zwei Jahre später stieg der FC Zürich ab.

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, zumindest versuchen wir es. Mit einem täglichen Tipp. 

3. Die «Fans» 

Die Stimmung rund um den FC Basel ist mies. Nicht auszudenken, was im Joggeli losgewesen wäre, wenn die schwachen Darbietungen, vor allem jene gegen Winterthur, vor vollen Rängen stattgefunden hätten. Eine Ahnung hat man allerdings am Mittwoch nach der Pleite gegen Winterthur erhalten, als ein Mob aus rotblauen Anhängern den Spielern vor dem Stadion auflauerte. Vergleichbare Szenen kennt man aus deutschen Stadien, wo sich die Spieler der Verlierermannschaft wie Schulbuben vor die Kurven stellen müssen, um sich die üblen Beschimpfungen ihrer «Fans» abzuholen. (Ich habe schon mal darüber geschrieben, was ich davon halte: www.awsmedien.ch/blog/warum-steht-ihr-hin-und-hört-euch-das-an)  Kritik ist gut, die Meinungen sind frei, aber alles hat seine Grenzen. Ein gewisses Mass an Anstand muss gewahrt bleiben. Gegenüber den Spielern, denen dieses Resultat selbst am Peinlichsten war. Aber auch gegenüber der Führungsspitze.

VR-Präsident und Besitzer Bernhard Burgener muss sich zeitweilig wie ein Schwerverbrecher fühlen – angeklagt von anonymen Pöblern, die ihren Unmut mit «Hau ab!»-Plakaten kundtun und sich nicht davor scheuen, im Netz Drohungen gegen ihn auszustossen. Nur zur Erinnerung: Für den grössten Tiefpunkt in der Clubgeschichte des FCB – gemeint ist die Schande von Basel 2006 – waren immer noch die eigenen Fans verantwortlich, die sich ach so sehr um das Wohl ihres Vereins sorgen. In peinlicher Erinnerung auch, wie Trainer Urs Fischer 2015 in Basel von den rotblauen Anhängern bei seiner Ankunft empfangen wurde: «Fischer, nie eine vo uns!!», stand auf einem grossen Banner. Eine krasse Fehleinschätzung, die auch von mangelndem Sachverstand zeugt. Heute wären viele FCB-Anhänger froh, Urs Fischer wäre immer noch einer von uns.

Man mag mit guten Grund mit Burgeners Clubpolitik nicht einverstanden sein (darüber wird in einem der nächsten Beiträge zu reden sein), man mag fordern, dass er sich vom Acker macht – aber dann muss man auch bereit sein, eine mehrheitsfähige Lösung zu präsentieren. Ich habe bis jetzt noch von niemandem eine gehört. Ist es besser, wenn am Ende ein chinesischer Investor übernimmt und den «Ef Si Bi» jahrelang bloss via Zoom begleitet? 

Ein gepflegter anständiger Umgang und auch ein wenig mehr Demut bei allen Beteiligten tun dringend not. Besonders in diesen schweren Zeiten. Denn bei vielen Fussballclubs geht es gerade ans Eingemachte.

Vorschlag 2 zum Sonntag: Augenmerk auf die Physis

Der FCB musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken. Zu Recht. Das 2:6 gegen das unterklassige Winterthur war der Tiefpunkt einer bisher ziemlich verkorksten Saison – und könnte gleichzeitig den Weg für einen Neuanfang freimachen. Nachfolgend ein paar Vorschläge, wie dieser aussehen könnte; Vorwürfe waren ja viele zu lesen, wirklich konkrete, konstruktive Lösungen hingegen kaum. Das soll sich hier ändern, mit einem täglichen Tipp.

2.     Die Abteilung Athletik und Leistungsdiagnostik

Die Abteilung Athletik und Leistungsdiagnostik sowie die medizinische Abteilung stehen derzeit mehr im Fokus als auch schon. Vor dem Spiel gegen Lausanne vermeldete der FCB 13 verletzte Spieler – wobei FCB-Präsident Bernhard Burgener im Fernsehinterview eilends betonte, dass «nur zwei davon an muskulären Problemen» litten. Gegen die Waadtländer mussten während der Partie nochmals zwei Spieler – Hajdari und Kalulu – verletzungsbedingt oder wegen muskulärer Probleme ausgewechselt werden, sodass nun die Hälfte (!) des Kaders am Stock geht. Und Goalie Heinz Lindner griff sich am Ende ebenfalls ans Bein (siehe Foto). In diesem Bereich stimmt also definitiv etwas nicht. Was, gilt es von Seiten der Entscheidungsträger schonungslos zu analysieren.

Okay, die Vorbereitung der jetzigen Spielzeit war wegen Covid arg verkürzt. Sforza hatte kaum Zeit, hier Einfluss zu nehmen. Bis zu Weihnachten wiederholte sich ein Muster: Der FCB brach regelmässig nach der Halbzeit ein. Zwischen Weihnachten und Wiederaufnahme des Spielbetriebs hatte der FCB fünf Wochen Pause und damit Zeit, an der Kondition und der Physis zu arbeiten – mit einem neuen Leiter Athletik und Leistungsdiagnostik. Nacho Torreno ging (oder musste gehen), Luis Suarez übernahm; zudem haben gemäss FCB-Kommunikationsdirektor Nicolas Unternehmer und Petra Platteau neu die Co-Leitung der Physio-Abteilung inne. Der Umschwung konnte seitdem noch nicht eingeleitet werden. Woran es liegt, ist für Aussenstehende schwierig zu beurteilen. Augenfällig ist allerdings, dass es den Spielern an Spritzigkeit fehlt. Von körperlicher Dominanz – hier hatte der FCB gegenüber seinen Gegnern in der Vergangenheit oft ein Plus – ist nichts zu sehen. Im Gegenteil.

Und nun kommt noch eine Verletzungsmisere hinzu, die nach ihresgleichen sucht. Weil fürs nächste Spiel gegen St. Gallen auch noch Eray Cömert und Fabian Frei gesperrt sind, muss man sich fragen, ob Sforza überhaupt noch genügend Spieler auf den Rasen zu schicken vermag. Geschickte Transfers hätten in der Winterpause möglicherweise für etwas Entlastung sorgen können. Stattdessen wurde ein Amir Abrashi verpflichtet, der beim SC Freiburg zuvor in 18 Spielen gerade mal 58 Minuten auf dem Feld gestanden und sonst nur auf der Bank gesessen hatte; da darf man sich schon die Frage stellen, ob er für den FCB genügend Spielrhythmus aufweist, um ihm sogleich zu helfen. Wie auch immer – kaum beim FCB ein erstes Mal im Einsatz, verletzte er sich.

Klar, der FCB hat kein Glück, und dann kommt auch noch Pech hinzu. Aber wenn sich die unglücklichen Fälle derart häufen, wird irgendwann ein Muster daraus, das sich nicht nur dem mangelnden Glück zuschreiben lässt. Wenn Aldo Kalulu, den man eigentlich abgeben wollte, bei seinem zweiten Einsatz innert Monaten nach 70 Minuten von Krämpfen geplagt ausgetauscht werden muss, dann passt das in dieses Muster. 

Der Aspekt der Physis muss beim FCB in der Prioritätenliste weit oben stehen. Auch im Hinblick auf die nächste Saison und die künftige Kaderplanung. 

Ciriaco Sforza ist nicht der richtige Mann

Die Ära von Ciriaco Sforza als Trainer des FC Basel ist vorbei. Das wird nichts mehr. Durchhalteparolen sind überflüssig. 

Der FC Basel hat in der Vergangenheit schon andere beschämende Niederlagen eingefahren – zum Beispiel das 1:7 unter Marcel Koller gegen YB oder das 1:8 unter Christian Gross gegen Sion –, doch diese Pleiten sind nicht mit der 2:6-Schmach gegen Winterthur zu vergleichen. Winterthur ist nicht YB und nicht Sion und war zuletzt mit drei Niederlagen selber in der Krise, gegen Stade Lausanne war der Verein gleich mit 0:3 untergangen; dieser FC Basel war deshalb der ideale Aufbaugegner für das Challenge-League-Team aus dem Kanton Zürich – Aufbauhilfe Nordwest sozusagen. 

Ciriaco Sforza muss auch deshalb gehen, weil die Mannschaft unter ihm regelrechte Zerfallserscheinungen zeigt. Die Basler wirken lust- und leblos, kommen sooft zu spät, dass man das Gefühl hat, der Gegner spiele mit einem Mann mehr. Die Körpersprache der Spieler auf dem Platz signalisierte gegen Winterthur: Hoffentlich ist dieser Schrecken bald vorbei. Silvan Widmer und Afimico Pululu schlichen verletzt vom Platz – und waren am Ende vermutlich sogar noch froh, von dieser Pein, auf dem Rasen zu stehen, vorzeitig erlöst worden zu sein. Die Mimik der Ersatzspieler draussen (vor allem Arthur Cabral wurde immer wieder gross eingeblendet – siehe auch Foto) verriet eine Mischung aus Gleichgültigkeit und – ja, auch Schadenfreude, im Sinne von: Selber schuld, das kommt davon, wenn man die wichtigsten Leute draussen lässt. Auf Fabian Frei und Eray Cömert hatte Sforza von vornherein verzichtet. Es war in den vergangenen Monaten nicht der einzige sehr eigenwillige Entscheid des Trainers, der nicht aufging. 

Auf die Mitschuld der Führungsetage ist in einem anderen, nächsten Beitrag einzugehen. Hier geht es nur um Ciriaco Sforza. Und um den einzigen zulässigen Schluss, den die Auftritte dieser «Mannschaft» mitsamt ihrer Leistungskurve in dieser Saison erlauben: Das Intermezzo mit ihm als Trainer der ersten Mannschaft muss beendet werden. Am besten sofort. Als Nachwuchstrainer wäre er besser aufgehoben, zumal es immer heisst, er könne es so gut mit jungen Spielern. Bei den gestandenen Profis scheint dies weniger der Fall zu sein. Sforza spricht gerne vom «Miteinander», fällt seinen Spielern aber gleichzeitig in den Rücken und massregelt sie in der Öffentlichkeit: Nach der Niederlage gegen den FCZ bekamen Cömert und Zhegrova ihr Fett ab. Ein guter Trainer macht das nicht, Kritik ist etwas für die Kabine. Was Sforza zeigt, ist schlechter Stil. Wie es geht, hat Marcel Koller letzte Saison eindrücklich bewiesen.

Sehr ungeschickt auch die Fehde mit Topskorer Arthur Cabral, der unter Sforza im Vergleich zum starken Vorjahr nicht mehr zu erkennen ist – was aber immer noch reicht, um für die meisten Treffer im Team verantwortlich zu sein. Überhaupt kann man feststellen: Kein einziger Spieler ist unter Ciriaco Sforza besser geworden, viele aber sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Bei einigen ist die Form mittlerweile besorgniserregend. Ricky van Wolfswinkel, um ein Beispiel zu nennen, war schon unter Marcel Koller nicht mehr über alle Zweifel erhaben. Doch nun ist er zum Ärgernis geworden und daran, sein einstmals gutes Standing bei den Fans endgültig zu verlieren. Gegen Winterthur hätte er alleine vor dem Tor zum 3:5 verkürzen können (womit es vielleicht tatsächlich nochmals spannend geworden wäre), doch heraus kam ein mickriges Schüsschen genau auf den Torhüter. Oder Timm Klose: Er hat in der Vergangenheit bei Norwich eindrücklich gezeigt, was er kann, und wäre bei Rotblau von der Erfahrung her eigentlich zum Leader geschaffen. Davon ist derzeit aber in dieser führungslosen Mannschaft nichts zu sehen. 

Es gibt nichts und wirklich rein gar nichts, das darauf hindeutet, dass die Situation besser werden könnte. Im Gegenteil: Der FCB spielt längst wie ein Abstiegskandidat. Wie schnell es gehen kann, haben in der jüngsten Vergangenheit der FCZ und GC gezeigt, die nach ähnlichen Krisen beide abstiegen. Nach Verlustpunkten hat der FCB immer noch acht Punkte Vorsprung auf den Barrage-Platz; darauf verlassen darf und kann er sich nicht. 

Ciriaco Sforza war zur falschen Zeit am falschen Ort und hat selber viel falsch gemacht. Er ist sicher nicht für alles verantwortlich, aber zumindest für soviel, dass er den Trainerstuhl räumen muss. Sofort.

Am Überzeugendsten während und nach der 1:4-Pleite gegen den FCZ war die Reaktion von FCB-Trainer Ciriaco Sforza. Er, der es sonst 90 Minuten lang für nötig hält, seine Spieler von der Seitenlinie aus wie kleine Schulbuben lautstark anzuweisen, strahlte vor den Mikrofonen Ruhe, ja fast schon Gelassenheit aus. «Wir haben noch 21 Spiele», sagte er, «da kann noch viel passen.» 

Allerdings. Es kann noch viel passieren. Und zwar in eine Richtung, die nicht gewünscht ist: abwärts. Schon vor der Winterpause zeigte der FCB erschreckend schwache Spiele. Fünf Wochen hatte Sforza nun Zeit, seine Mannschaft zu justieren, aufzubauen, mit seinen Ideen noch mehr vertraut zu machen. Gesehen hat man davon – nichts. Dem FCB-Spiel krankt es an vielem. Einen Punkt möchte ich jedoch spezieller herausheben:  

Die Spielanlage passst überhaupt nicht! Luca Zuffi sagte es im Pauseninterview: «Wir haben schön von hinten aufgebaut.» Stimmt, der FCB versucht sein Spiel gepflegt von hinten aufzubauen. Und stirbt in Schönheit. Sehr oft nicht mal das – nämlich dann, wenn er beim «schönen Aufbau» Fehler einstreut. Was eben sehr oft der Fall ist. 

Dieser Spielaufbau geht viel zu langsam vonstatten. Dieses ewige hintenherum Spielen hat zwei negative Effekte: Die gegnerische Mannschaft kann sich neu sortieren. Und das eigene Team wird in Trägheit und Passivität eingelullt. Ein Beispiel aus der 63. Minute: Zhegrovas Eckball wird abgewehrt. Der Ball kommt in der Mitte der Zürcher Platzhälfte zu Luca Zuffi. Der nächste Zürcher ist sicher 15 Meter entfernt. Er hat also alle Zeit der Welt, den Ball anzunehmen und ihn in die gefährliche Zone zu spielen. Oder aber selber ein paar Meter nach vorne zu machen und dann in ein direktes 1:1 mit einem Gegner zu gehen und so die Räume zu öffnen. Er aber entscheidet sich ohne Not, den Ball in die eigene Platzhälfte zurück zu spielen, wo Cömert ihn übernimmt und wieder LAAAAANGSAM und eben gepflegt aufbaut. Oder irgendwann dann eben doch nicht mehr: Am Ende bleibt nur noch der hohe, unkontrollierte Ball, den der Gegner mit Leichtigkeit abfängt, falls er nicht bereits im Aus gelandet ist...

Daraus resultierte, dass der FCB zu relativ wenigen Torchancen kam. Cabrals Tor war eine Einzelaktion, bei der er voll ins Risiko ging. Vielleicht sollte Ciriaco Sforza der Mannschaft Bilder aus seinen besten Tagen zeigen, als er der offensive, geniale Spieler war, der den Ball schnell nach vorne trug und so die gegnerischen Reihen aufriss – etwa bei Kaiserslautern oder im Nationalteam im Verbund mit Alain Sutter. Da wurde auf Teufel komm raus Tempofussball gespielt und schnell die gefährliche Zone gesucht. 

Beim FCB ist das Gegenteil der Fall. Wie wenig erfolgreich dieses nervtötende Ballgeschiebe ist, zeigt sich derzeit auch bei Liverpool. Dem Team von Jürgen Klopp geht diese Saison komplett ab, was es so stark gemacht hat: Das vertikale Spiel nach vorne in die gefährliche Zone. Stattdessen wird minutenlang gepflegt hinten aufgebaut. Das Resultat sah man am vergangenen Donnerstag gegen das mediokre Burnley, das aber gut genug organisiert war, um die Liverpooler Offensive mit ihrem horizontalen Spiel zu neutralisieren. 

Der FCB hätte genügend Spieler in den Reihen, um das Spiel nach vorne schnell zu machen. Aber Edon Zhegrova fehlt es derzeit an Selbstvertrauen. Pajtim Kasami versucht zwar etwas zu reissen, ist aber viel zu fehlerhaft und zu oft ohne Auge für den Mitspieler. Fabian Frei hat eine ganz schlimme Körpersprache, bei ihm zählten die Statistiker gegen den FCZ 18 (!) Fehlzuspiele. Stocker ist angeschlagen, und Zuffi braucht natürlich Zeit, bis er wieder der Alte ist – Zeit, die die Mannschaft aber gegenwärtig nicht hat. Silvan Widmer überzeugte unter Marcel Koller durch Sturmläufe an der Seitenlinie, unter Ciriaco Sforza ist davon nichts mehr zu sehen. Cabral wirkt wie ein Fremdkörper in der Mannschaft, kommt aber dank seiner Klasse mit Einzelaktionen trotzdem noch zu Torchancen.  

Die Formschwäche praktisch aller Spieler ist erschreckend und ruft nach einer Erklärung, die Ciriaco Sforza baldmöglichst ergründen muss. Viel kann ihm derzeit ja nicht passieren: Der FCB will sich, so klamm seine Kasse ist, vorläufig sicher nicht einen neuen Trainer leisten. Vielleicht rührt die Ruhe, die Ciriaco Sforza ausstrahlt, von daher.

Jonas Omlin ist der beste FCB-Goalie seit langem!

Ein bisschen unüberlegt, ich gebs zu, war meine Aussage zu Jonas Omlin in der «Soccer Lounge» auf Sportal HD. Auf die Frage von Moderator Mämä Sykora, ob Luganos Goalie Noam Baumann und FCB-Torhüter Jonas Omlin gleich gut seien, antwortete ich sinngemäss: «Das kann man so sagen (…), wobei bei Omlin die Gefahr besteht, dass er bald weg ist.»

Diese Gefahr ist tatsächlich real – und zwar weil der FCB-Goalie der mit Abstand beste Torhüter der Super League ist. Besser auch als Noam Baumann (damit revidiere ich meine Aussage in der Sendung), auch wenn der seine Sache in dieser Saison sehr gut macht.

Ich gehe sogar noch einen Schritt und behaupte – dieses Mal nicht unüberlegt –, dass Omlin der beste aller Goalies ist, die in den letzten zwei Jahrzehnten das rotblaue Trikot getragen haben. Yann Sommer war super, ein Publikumsliebling und nun bei Gladbach ein so sicherer Wert, dass sein Vertrag soeben bis 2023 verlängert wurde. Franco Costanzo war auf der Linie sensationell stark und Pascal Zuberbühler vor allem in seiner Ausstrahlung für die gegnerischen Stürmer furchteinflössend. Auch in guter Erinnerung: Tomas Vaclik, der nun bei Sevilla Stammgoalie ist.

Der FCB durfte und darf sich also glücklich schätzen, dass er sich hinten jederzeit auf seinen Torhüter verlassen konnte und kann. Jonas Omlin aber ist der Beste von allen: reflexstark auf der Linie, überzeugend bei hohen Bällen und mit gutem Auge und genügend Zielgenauigkeit mit Füssen und Händen für ein konstruktives und schnelles Aufbauspiel: Man achte darauf, wie schnell er jeweils den Gegenangriff auslöst.

«Transfermarkt.ch» gibt seinen Wert derzeit mit 6 Millionen Franken an – ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, was eine Mannschaft mit ihm erhält. Sein Vertrag läuft noch bis Sommer 2022. Der FCB täte gut daran, vorzeitig mit ihm zu verlängern! 

Hier geht’s zur Soccer Lounge auf Sportal HD:

https://sportalhd.com/all/grid/EGaBISgY/lEkUx0ld

Gestern schrieb ich an dieser Stelle: Fabian Schär muss immer, immer spielen. Gut, dass er dies gestern dann auch durfte, wie man gesehen hat...! Heute muss ein anderer unbedingt spielen: Noah Okafor. Er lieferte letzten Samstag gegen Neuchâtel Xamax einen überragenden Match ab. Okafor gehört in die Startaufstellung im heutigen Cup-Match gegen Sion (20.30 Uhr). Was wäre das für ein Signal, wenn er nach so einer Leistung auf der Bank Platz nehmen müsste? Und: Das Momentum ist im Fussball wichtig. Darauf muss ein Trainer achten. Es gibt viele Beispiele, bei denen ein Trainer das Momentum überhaupt nicht berücksichtigte – und man sich als Aussenstehender nur an den Kopf greifen konnte. Bis heute nicht vergessen habe ich, wie Köbi Kuhn Valentin Stocker nicht für die Heim-EM 2008 berücksichtigte, obwohl der Stürmer beim FCB überragend spielte. Aber Stocker war damals erst 19 Jahre alt. Und noch nicht etabliert. Das gewichtete Köbi Kuhn höher als das Momentum; an der EM sah man dann, dass Stocker sicher ein Gewinn gewesen wäre – so lahm und zahm, wie sich die Schweizer Offensive damals präsentierte.
Besagter Stocker könnte übrigens heute Abend zum Einsatz kommen. Ausgerechnet für Okafor. Allerdings kann auch Stocker das Momentum für sich reklamieren: Gegen Xamax traf er nach langer Durststrecke endlich wieder einmal. Wäre ich Trainer, würde ich mich trotzdem für Noah Okafor entscheiden.